Der Nebelschleiersee

13. Rova, 4708 AK

Es herrschte Windstille. Kalter Nebel umgab den Templer. In Egede hatte er das Segelboot des alten Fährmanns betreten, und seitdem hatte der Alte geplappert wie das dunkle Seewasser, das der Bug mit jedem Zug des Ruders in kleine Wellen teilte.

„Ihr habt viel gesehen, nicht wahr?“, setzte der Fährmann wieder an. „Wisst Ihr, ich habe die Ufer des Sees mein Leben lang nie verlassen?“ Der schwer gerüstete Mann im rot karierten Waffenrock Mendevs starrte weiter wortlos in die weißgrauen Nebelschwaden. „An Tagen wie diesen, wenn die ersten kalten Nächte das warme Wasser des Sommers in Dampf verwandeln, kann man hier die ganze Welt sehen.“

„So wie heute Morgen, hüllt ein undurchsichtiger Schleier den See ein und im Nebel gibt es jede nur erdenkliche Form zu entdecken. Ich sehe tänzelnde Einhörner, die schnappenden Mäuler von Drachen, die unwirkliche Schönheit der Feenköniginnen und die scharfen Krallen von Trollen, wie sie nach mir greifen.“

Einen Ruderschlag gab der Alte Ruhe, bevor er wieder fortfuhr: „Das mag Einbildung sein, doch als ich noch jung war, habe ich einen Arkanisten von Winterbruch nach Eishafengerudert.“ Das ächzende Ruder unterbrach den Fährmann.

„Er erklärte mir, dass die Grenzen der Welten in der Tat, an diesem Ort sehr dünn sind. Aber wem erzähle ich das? Ihr habt in den Mendevischen Kreuzzügen gekämpft, Ihr habt die Schrecken der Weltenwunde mit eigenen Augen gesehen.“

Für einen Moment herrschte gespenstische Stille, der Templer erkannte die Nebelschleier auf einmal als die Leichentücher, unter denen unzählige seiner Kameraden die ewige Ruhe gefunden hatten. Doch dann bewegte sich etwas hinter diesen geisterhaften Grabtüchern. Es war die aufgeblähte Form eines riesigen Dämons, der die Stofffetzen beiseite riss und seine mächtige Faust erhob. Auf dem massigen Leib des turmhohen Scheusals saß der Kopf einer widerlichen, nackten Wildsau mit enormen, bluttriefenden Hauern. Unwillkürlich fuhr die Hand des Templers zum Schwertgriff. Er hatte die Klinge halb gezogen und stand kampfbereit im Boot, da holte ihn die Stimme des Alten zurück auf den See der Nebel und Schleier: „So schlimm? Ich will Euch sicher nichts Böses. Was Ihr da seht sind nur Hirngespinste des Nebels. Bald haben wir den Hafen erreicht.“

„Wisst Ihr, der See teilt oder verbindet, je nachdem wie man es sieht, die Reiche Brevoy und Numeria im Süden, sowie Mendev im Westen und Iobaria im Osten?“, lenkte der Fährmann weiter ab.

Der Alte betrachtete die Nebelschwaden. Wie sie sich zu phantastischen Wesen formten und wieder in märchenhaften Landschaften verloren. Während er bedächtig das Ruder bediente, bemerkte er den Templer hinter sich. Der Passagier war ihm unangenehm nah gekommen.

Mit seinem schweren Panzerhandschuh schlug er dem Alten plötzlich ins Genick. Er packte ihn am Kragen und schnürte ihm die Luft ab. Heftig riss er den röchelnden Fährmann herum. Als er seine Hände um die Kehle des anderen schloss funkelten Hass und unbändige Wut in den Augen des Templers. Panisch starrte der Alte in das wahnsinnsverzerrte Antlitz seines Peinigers. Hilflos trat er gegen die Beinschienen seiner Rüstung und zerrte an den stählernen Händen die ihn langsam zu Tode würgten. „Sieh nicht mich an!“, brüllte der Templer. „Schau in den Nebel! Siehst du sie, die Toten, die auf dich warten, um dich in Pharasmas Beinacker willkommen zu heißen? Dort magst du deine schlauen Geschichten weitererzählen.“

Als das Röcheln verstummte und die Gegenwehr ausblieb stieß er den Toten in das dunkle Wasser des Sees. Beruhigt richtete der Templer seinen Blick auf den grauen Horizont in Fahrtrichtung, da schälten sich  langsam die Zinnen von Eishafen aus dem Nebel.

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