Brevoy, Restov

25. Calistril, 4675 AK

Die Abendsonne war eine feurige Scheibe am westlichen Horizont, als sich die beiden Duellanten gegenübertraten. Der Boden des Flussufers war um diese Jahreszeit noch immer gefroren: fest aber rutschig. Hohes gelbbraunes Schilfrohr schirmte den Austragungsort vor allzu neugierigen Zuschauern ab.

Nivel begrüßte sein gegenüber mit einer knappen Verbeugung, so wie es die Etikette verlangte. Der Halbelf verlor seinen Gegner dabei nicht aus den Augen, sondern beobachtete ihn aufmerksam am Rande seines Blickfelds. Stilicho Drachengold tat es ihm gleich.

Mit sattem Klang verließen die aldori Duellschwerter ihre Scheiden. Nivels Waffe war von guter, aber gewöhnlicher Machart. Stilichos Klinge hingegen war von besonderer Qualität. Grünsilbrig glitzerte sie über ihre gesamte Länge im Licht der untergehenden Sonne, während der waldgrüne, mit Goldfaden gebundene Samtgriff sanft in den Händen des jungen Aristokraten ruhte. Das Schwert besaß den Namen „ Träne Castrovels“ und war seit Generationen im Besitz der Kaufmannsfamilie Drachengold. Gerüchten zufolge stammte die magische Waffe aus dem Hort von einem der roten Drachen, die Choral dem Eroberer im Kampf gegen die Schwertmeisterbeigestanden hatten. Viel mehr noch sollte einst das vollständige Vermögen der Familie zum Besitz der geschuppten Bestie gehört haben. Der erste Patriarch derer von Drachengold sollte die Reichtümer jedoch gestohlen und nicht ehrenhaft im Kampf erstritten haben. Er sollte demnach nicht viel mehr als ein gewöhnlicher Dieb gewesen sein. Nivel war einer von denen die diese Gerüchte in den Trinkhallen von Restov verbreitet hatten und Stilicho gehörte zu den Erben der Kaufmannsfamilie. Der junge Aristokrat konnte diese schändlichen Behauptungen nicht einfach so hinnehmen, darum kreuzten die beiden jungen Männer an diesem Winterabend die Klingen.

Der Halbelf eröffnete mit einem hohen senkrechten Schnitt, dem der andere Duellant geschickt ausweichen konnte um mit einem Stoß auf Brusthöhe zu antworten. Nivel sprang zurück und gewann mit einem horizontalen Schlag nach Stilichos Klinge wieder mehr Abstand. Die Schwertspitzen auf des Gegners Kehle gerichtet umkreisten sich die beiden Kontrahenten einen Moment, bis der Halbelf die Geduld verlor und nach den Beinen des anderen schlug. Stilicho parierte und packte Nivels rechtes Handgelenk, dann versetzte er ihm mit der Schulter einen heftigen Stoß. Während der Aristokrat die Schwertspitze zu einem weiteren Angriff hob, konnte sich sein Gegner losreißen und aus der Reichweite der Träne Castrovels stolpern. Nivel strauchelte auf dem frostigen Untergrund. Siegessicher trieb Stilicho den aus dem Gleichgewicht geratenen Halbelfen tiefer ins Schilf.

Plötzlich bemerkte der Aristokrat die Kälte in seinem Körper, wie steif seine Glieder sich anfühlten. Doch es konnte nicht die hereinbrechende Nacht sein, die ihn zittern und frieren ließ. Beunruhigt suchte er nach einer Erklärung. Er setzte dem Halbelfen nicht weiter nach, sondern blickte an sich herab und begann sich fieberhaft abzutasten. Als er die Quelle seines Unwohlseins bemerkt hatte war es bereits zu spät: er konnte sich kaum noch rühren. Ein winziger Giftpfeil steckte in seinem Hals. Langsam trat Nivel mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurück in sein Blickfeld. Vorsichtig näherte sich der Halbelf dem gelähmten Duellanten und löste mit seiner freien Hand die kalten, verkrampften Finger vom Griff der Träne Castrovels. „Das brauchst du jetzt nicht mehr. Ich dagegen sehr.“, erklärte er im amüsierten Flüsterton.

Die dumpfe Kakophonie vom Klang zerreißender Kettenglieder, zerschnittenem Fleisch und brechenden Knochen hallte durch Stilichos Körper, bevor ein überwältigender Schmerz durch seinen Rücken fuhr. Nivel blickte seinem Gegenüber mit gespieltem Entsetzen in die Augen, als aus dem Mund des Aristokraten gurgelnd dunkles Blut sprudelte. Der Sterbende sah noch einen Schatten durchs Schilf huschen, dann fiel er tot auf den vereisten Boden des Flussufers.

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