4. Rova, 4711 AK

Pfalzgrafschaft Kanterwall, Ravengro

Das Dorf war in hellster Aufregung an diesem Morgen. Die Ravengroer strömten förmlich nach Süden, den Fluss entlang. Das Schreckenfelsdenkmal war in der vergangenen Nacht mit Blut beschmiert worden. Jeder hatte Angst, aber keiner wollte sich von der Gerüchteküche in Form des steinernen Direktors Falkran fernhalten. Noch hatte der Konstabler keine Leiche gefunden, doch fragte natürlich nicht nur ich mich woher das ganze Blut wohl stammen mochte.

Lang nach dem Höhepunkt der Aufregung erreichte eine Gruppe das geschändete Denkmal, die sich deutlich von den Dorfbewohnern unterschied. Es handelte sich um die Erben Professor Lorrimors: seine Tochter Kendra und die vier Unbekannten vom Friedhof mit einem neuen, ebenso unbekannten Gesicht. Der Konstabler rief sie auf den blutbesudelten Platz vor dem Denkmal. Er blickte ihnen tief in die Augen und befragte sie. Bevor er sie entließ, schien er sie eindringlich zu ermahnen.

Ein varisisches Paar stimmte am Nachrichtenpfahl vor der Brücke zum Dorf ein trauriges Lied an. Die Tänzerin schlug das Tamburin, während ihre langsamen runden Bewegungen von einer Fidel begleitet wurden. Plötzlich surrten zwei rotbraune Blutmücken auf die Traube von Menschen zu, die sich um die beiden herum gebildet hatte. Die unbekannte Fünfte, eine groß gewachsene blasse Frau mit hellem kurzem Haar schlängelte sich durch die Zuhörer und Musiker in die Flugbahn der durstigen Biester. Sie riss ihren schmalen Mund auf und entblößte einen dunklen kreisrunden Schlund gespickt mit mehreren Reihen spitzer Zähne. Im Sprung flatterten die weiten Ärmel ihrer Reiserobe zurück, während ihre krallenbewehrten Hände hervorschnellten. Blitzschnell hatte sie die beiden Blutmücken in der Luft zerrissen.

Die Menge war erschrocken und erleichtert zugleich, so machten sich die Ravengroer verstört tuschelnd davon.

*      *      *      *      *

Ich war bereits seit geraumer Zeit in den Lachenden Dämon zurückgekehrt, da durfte ich mit Freude feststellen, dass zwei der Erben in die Taverne gekommen waren um Ermittlungen anzustellen. Es handelte sich um den kleinsten der fünf Unbekannten, einen Gnom der sich und seine Begleiterin, das unscheinbare Ding mit dem Gebiss eines Purpurwurms, beim Wirt als Bestimotor von Simelwiz und Pami vorgestellt hatte. Sie sagte keine Wort. Er schrie andauernd nach Zuckerrüben.

Zokar Elkarid unterhielt sich etwas mit dem Gnom, bis sich dieser im wahrsten Sinne des Wortes unter das Volk mischte.

Am späten Nachmittag betraten auch die übrigen Erben Professor Lorrimors den Schankraum. Die Musik hörte auf zu spielen und die Tischgespräche wandelten sich zu einem leisen Geflüster oder verstummten vollkommen. Sichtlich betroffen begrüßten die drei Damen ihre Bekannten und setzten sich zu einem Glas Flüssige Geister.

Auch sie versuchten ihr Glück bei der Befragung der Dorfbewohner, doch die blieben stumm wie die Fische des Großen Blauen Flecks. So nannten die Ravengroer den Liassee, was ich aber erst lang nach meiner Ankunft erfuhr.

Ihr Misserfolg bei den Ermittlungen war nicht von Bedeutung. Die Leute hier brauchen Zeit um aufzutauen, wie das finstere Land in dem sie leben nach den langen Wintern. Mir war es damals nicht anders ergangen. Alles was für mich zählte war ihr Wille gutes zu tun und Ravengro vor dem Bösen zu bewahren, das sich mit dem Blut am Schreckenfelsdenkmal angekündigt hatte.

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