5. Rova, 4711 AK

Pfalzgrafschaft Kanterwall, Ravengro

Nur einen Tag darauf betrat ein Reisender den Schankraum des Lachenden Dämons. Er war kein Kaufmann, das verrieten mir das Schwert an seiner Hüfte und der Bogen über seiner Schulter.

Zokar Elkarid stellte sich dem Neuankömmling mit viel Witz und seinem rustikalen Charme vor, bevor er den jungen Mann mit Speis und Trank versorgte. Der Reisende trug den vielversprechenden Namen Antonius Iacobus Santorio, der einfach nicht zu seinem schlichten Äußeren passen wollte, das überwiegend von hoffnungslos abgetragenem Leder und Schlamm, viel Schlamm geprägt war. Santorio musterte den gefüllten Schankraum und die anderen Gäste genau. Dem Wirt schien er kaum Beachtung zu schenken.

Dann fielen die Worte „Geist“ und „Schreckenfels“. Der junge Mann war plötzlich ganz Ohr. Sogleich versuchte er mehr von Zoki zu erfahren. Unser Herr Wirt spielte jedoch ganz den Geheimnisvollen. Er hatte wie immer sein breites Grinsen im Gesicht, während seine roten Backen im orangen Licht des prasselnden Kaminfeuers schimmerten. Zokar Elkarid erschien mir in diesem Augenblick, da er Santorio zum Hause Lorrimor schickte, wie Cayden Cailean höchst persönlich. Ein Kuppler der die Richtigen zusammenbringt um dem Bösen die Stirn zu bieten. Denn er wusste schließlich ganz genau, dass die Erben des toten Professors bald Arbeit für die Waffen an Santorios Seite auftreiben würden.

Die Wahrscheinlichkeit tatsächlich einem Gott zu begegnen mag gering sein, doch es war ein angenehmer Gedanke. Ich beschloss dem einsamen Wanderer mit dem außergewöhnlichen Namen in jedem Fall zu folgen.

*     *     *     *     *

Haus Lorrimor lag am Ende der Straße. Während Santorio noch rätselte in welchem Gebäude er nun mehr über Schreckenfels und seine Geister erfahren konnte, beschloss ich in den Schatten vorauszuhuschen und mich in das Haus des toten Professors zu stehlen.

Die Erben hatten sich im Teezimmer versammelt und begutachteten einen Gegenstand der mir nur allzu vertraut war: ein Geisterbrett. Wenig später traf auch schon Santorio ein.

Man tauschte Höflichkeiten aus und tat der Form genüge, jedoch ohne dabei die Obacht und das gegenseitige Misstrauen gänzlich fallen zu lassen. Als die Erben das heilige  Symbol Iomedaes am Schwertknauf Santorios erkannten, baten sie den Reisenden zu einer Tasse Tee ins Haus und entspannten sich.

Neben dem Gnom in der blaugelben Tunika und der blaßen Dame mit den scharfen Krallen, stellte sich eine unförmige Variserin als Stralicia Mancini vor. Sie trug zahlreiche Fläschchen und Beutel an ihrer Lederschürze, was in mir den Verdacht erweckte, daß es sich bei ihr um eine ehemalige Kollegin des Professors handeln musste. Die blonde Frau an Kendra Lorrimors Seite war ungewöhnlich gut gebräunt für diese kalte Jahreszeit. Sie schien eigens für das Begräbnis – oder die Testamentsverkündung – aus der Sommerfrische im fernen Süden angereist zu sein und stellte sich mit Runa Corvijn vor. Zu guter Letzt nannte eine unscheinbare junge Frau mit schwarzem Haar ihren Namen: „Tira Krähenfuß“. Auf ihrer Schulter saß ein ebenso schwarzer Rabe der Santorio mit einem befremdlichen Krächzen willkommen hieß.

Der einsame Wanderer war seiner Aussage nach in Ravengro um mehr über die finsteren Machenschaften einer Geheimgesellschaft zu erfahren. Er nannte sie den Wispernden Pfad und beschrieb sie als Zusammenschluss von Nekromanten, Totenbeschwörern und der Brut Urgathoas.

Die Erben schenkten den Behauptungen Santorios Glauben und verrieten ihm von den Ergebnissen ihrer Ermittlungen. In den Archiven des Pharasmatempels hatten sie die Namen fünf berüchtigter Verbrecher, die zur Zeit des großen Feuers in Schreckenfels eingesessen hatten erfahren: Vater Scharlatan, der Kopfjäger, der Moorwassermörder, der Mückenfänger von Argmoor und der Zermatscher. Aber auch über das geschändete Denkmal hatten sie mehr herausgefunden. Drei bemerkenswerte Vornamen, der des Ratsherren Vaschian Feuerroß, der des Hohepriesters Vauran Grimmgräber und der der toten Frau des Gefängnisdirektors Vesorianna Falkran begannen alle mit diesem einen Buchstaben. Mit einem V, das mit Blut an das Denkmal geschmiert worden war. Sie vertrauten dem Reisenden sogar an, dass sie das Geisterbrett zusammen mit anderen uralten Waffen zur Geisterbekämpfung aus einer falschen Gruft auf dem Ruheland „geborgen“ hatten.

Die Tochter des Professors zog sich in die Küche zurück um einen kleinen Imbiss zuzubereiten.

Es klopfte erneut an der Tür. Jedoch war es kein gewöhnliches Klopfen, sondern dumpfe Schläge in einem unsteten holprigen Rhythmus. Drei der Erben schlüpften auf den Korridor hinaus. Es handelte sich um den Gnom Bestimotor, die stumme Pami und Stralicia.

Die Lautstärke nahm mit jedem Schlag weiter zu, bis die Erschütterungen an der Eingangstür die Teetassen auf dem zierlichen Beistelltischchen neben Santorio scheppernd tanzen ließen. Dann beendete plötzlich der schrille Aufschrei Bestimotors den Lärm.

Ich konnte durch die Tür einen Mann im weißen Totenhemd der Kirche Pharasmas sehen. Sein Oberkörper und Schädel waren vollständig zertrümmert und nicht viel mehr als eine dunkle Masse. Durch das blasse, kränklich marmorierte Fleisch des ungebetenen Gastes krochen bereits dicke, gelbe Maden. Dennoch stand der tote Körper, kalt und steif auf der Veranda von Haus Lorrimor, erfüllt von negativer Energie die ihn zu seinem unnatürlichen Leben verhalf. Ausdruckslos starrten seine Augen über den Gnom hinweg. Es war ein Zombie. Ein Untoter.

Alles ging schrecklich schnell: Stralicia sprang die Treppe hinauf, während Santorio ihr mit seinem Bogen Feuerdeckung gab. Bestimotor flitzte zwischen den anderen Erben Lorrimors hindurch und flüchtete sich ins Teezimmer zurück. Der kleine Mann war blutüberströmt. Der Zombie reagierte währenddessen nicht auf die Pfeile, die in seiner Brust steckten. Er schlug weiter auf Pami ein, obwohl die Knochen seines rechten Arms beim letzten Schlag gegen den Kopf der blassen Kriegerin krachend zerbrochen waren.

Dann meldete sich die Dame mit dem schneeweißem Haar zu Wort. Und es waren finstere Worte, die klangen als entsprangen sie dem geifernden Maul eines Dämons. Zu der Furcht vor dem Untoten mischte sich der Schreck ob dieser dunklen Sprache aus dem Munde der lieblichen Runa. Erst die fauchende Explosion eines Alchemistenfeuers auf der Brust des Zombies löste die eisige Umklammerung der Angst und beendete den erbitterten Kampf.

Ich nutzte die letzten Momente der Aufregung um unbemerkt in der Nacht zu verschwinden und in den Lachenden Dämon zurückzukehren.

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