10. Rova, 4711 AK

Pfalzgrafschaft Kanterwall, Ravengro

Der Morgen war grau. Vor meinem Fenster im Lachenden Dämon trieb eine undurchsichtige Nebelsuppe über den Köpfen aufgeregter Ravengroer. Aufgrund der unheimlichen Vorkommnisse der vergangenen Tage und Nächte, war eine außerordentliche Ratsversammlung angesetzt worden. Jeder Dorfbewohner wollte seine Ängste und Bedürfnisse kundtun und hoffte offenbar auf Erlösung von den Schrecken die Ravengro heimsuchten.

Ich beschloss mir das Schauspiel im Rathaus nicht entgehen zu lassen.

Der Versammlungssaal war bereits gut besucht, als ich am frühen Vormittag dort eintraf. Alle waren sie gekommen: Bauern und Großbauern, Händler und Handwerker, Geistliche und Gelehrte, von letzteren gab es in Ravengro jedoch nicht allzu viele. Die langen Holzbänken füllten sich, bis die Leute stehen mussten. Als auch keine Stehplätze mehr frei waren, reihten sich die Männer und Frauen auf dem Korridor auf, um den einen oder anderen Blick zu erhaschen oder einfach nur um mithören zu können.

Die Ratsherren und der Konstabler standen auf einer breiten Bühne am Ende des Saals. Bevor einer von diesen feinen Herrschaften das Wort ergriffen hatten, begannen die Dorfbewohner ihre Meinung laut herauszuschreien. Bald erklang ein beunruhigender Chor von Klagestimmen. Es fiel schwer die einzelnen Personen zu verstehen, doch hier und da verstand ich einen der Berichte. Eine Halblingsdame mittleren Alters erzählte von einer Feuersbrunst über den Köpfen ahnungsloser Kartenspieler, von Schreckgespenstern im Keller und blutbeschmierten Schlafzimmerwänden, aber auch von Geisterjägern. Sie deutete auf eine Gruppe bekannter Gesichter, die den Erben Lorrimors gehörten. Nur Kendra und der einsame Wandersmann waren nicht zu sehen.

Vaschian Feuerross trat an das Rednerpult und bat mit einem Handzeichen um Ruhe. Die aufgebrachte Menge verstummte. Diese Ravengroer waren doch höriger als gedacht. Der Ratsherr erläuterte in gewohnt unbeeindruckter Manier die Sachlage. Er sah in der Priesterschaft Pharasmas und den Leuten des Konstablers die einzige Möglichkeit und Lösung, den rastlosen Toten und Schändungen des Denkmals Herr zu werden.

Die Ravengroer begannen bereits wieder zu blöken wie die Schafe, da erhob sich Runa Corvijns glockenhelle Stimme über die erneut aufkommende Unruhe. Sie bot der Gemeinde an, mit den anderen Erben des verstorbenen Professors, nicht nur die Kirche beim Kampf gegen die Untoten zu unterstützen, sondern auch die Ermittlungen bezüglich der Entehrung Gefängnisdirektor Falkrans Andeckens zu übernehmen.

Das Angebot der jungen Frau wurde von erstauntem Raunen und Murren in der Zuhörerschaft gefolgt. Ein Mann mit misstönender Reibeisenstimme, der ungute Gibbs Hefenuss, protestierte besonders lautstark. Mehr und mehr Ravengroer taten es ihm gleich. Die wütenden Dorfbewohner steigerten sich gegenseitig in ihrem Zorn auf die Fremde, doch brachten sie nur ihre Verzweiflung zum Ausdruck.

Ohne weitere Vorwarnung explodierten die großen Öllampen an der Decke des Versammlungssaals in einem grellen Feuerregen. Durch die vor Hitze wabernde Luft zischten plötzlich zwei in Flammen gehüllte Totenschädel, während unter den Ravengroern absolute Panik ausbrach. Alle Anwesenden versuchten aus dem Saal zu fliehen. Die Leute auf dem Korridor hatten noch gar nicht verstanden was überhaupt vorgefallen war. Jeder war sich selbst der Nächste und kämpfte gegen eine kreischende Menschenmasse an. Nur die selbsternannten Retter von Ravengro behielten einen kühlen Kopf. Unter den Bruchstücken der zersprungenen Lampen zogen sie Frauen und Kinder hervor.

Wieder erklang über all dem Chaos die Stimme von Runa. Dieses Mal jedoch in der finsteren Zunge der Dämone. Stralicia bekämpfte Feuer mit Eis und holte mit zwei gezielten Frostbomben die untoten Flammenschädel aus der Luft, die mit unbarmherzigen Sturzflügen versucht hatten die mutigen Erben des Professors in das Feuer zu treiben.

Einzig und allein die Ratsherren und der Konstabler halfen den fünf Helden des Tages die Flammen zu löschen und den Rauch aus dem Saal zu vertreiben. Dankbar nahm Vaschian Feuerross schließlich das Angebot von Runa an. Er versprach jedem Erben eine satte Belohnung von fünfhundert Goldmünzen für die Erlösung von den Schrecken.

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