Krieg der Gefallenen, Teil 1

21. Pharast, 4674 AK

Es war eine warme Frühlingsnacht. Den vollen Mond am Himmel hatte man nach der Göttin der Toten benannt. Pharast. So kurz vor der Morgendämmerung war er purpurfarben und tauchte die Berge in ein magisches Zwielicht, denn zwischen den violetten Gipfeln stieg bereits die goldene Sonne empor. Der Schrei eines Adlers hallte noch durch die Täler vor Janderhoff, als das prachtvolle Tier bereits auf den eisernen Zinnen der Handelsstadt gelandet war.

Dann war die Dunkelheit der Nacht durch den Sonnenaufgang gebannt und des Vogels weiße Federn verflüchtigten sich wie der Tau auf den Kräutern des Klostergartens. Anstatt des Adlers stand da nun eine Zwergin mit steingrauem Haar. Ihr kräftiger Körper wurde von dunklen Efeuranken umschlungen und ihre Taille von einer Kette aus türkis glitzernden Edelsteinen geschmückt. Verträumt schlenderte sie auf den Tempel zu, in dem um diese Zeit bereits rege Betriebsamkeit herrschte. Dabei schwang sie einen mächtigen Hammer, den sie schließlich auf ihrer muskulösen Schulter zum ruhen brachte. Der Schaft der Waffe bestand aus einer dicken Wurzel die tief in den massiven Steinkopf ragte. Eine kunstvolle Rune zierte den Hammer, während in das goldene Tor vor dem die Zwergin innehielt unzählige ähnliche eingelassen waren.

Seufzend stieß sie das beeindruckende Portal auf und spazierte an den verblüfften Tempelwachen vorbei. Die bärtigen, schwer gepanzerten Krieger wollten gerade Axt und Schild zum Angriff erheben, da gebot ihnen eine donnernde Stimme, die selbst über das Dröhnen unzähliger Hämmer in den Tempelhallen zu vernehmen war Einhalt. „Was willst du, Druidin?“, fuhr der aufgebrachte Sprecher fort, wobei er sein letztes Wort wie einen Fluch ausspie. Es war an jener Druidin zu antworten, doch die ließ die Spannung in der plötzlichen Stille noch weiter anwachsen. Sie wartete bis der Sprecher das glühende Kohlebecken umrundet hatte und aus den Schatten trat, so dass sie dem uralten Zwerg in die harten Augen blicken konnte. Erst dann begann sie mit lieblicher Stimme ihre Botschaft kund zu tun: „Hör mich an Hohepriester! Hört mich an, ihr Zwerge von Janderhoff! Euch steht eine dunkle Zeit bevor und nicht alle von euch werden das heilige Geschenk des Lebens behalten dürfen. Doch noch ist es nicht zu spät! Schwört ab von eurem unnatürlichen Tun, lasst die Erde heilen und reißt keine weiteren Wunden in ihre Tiefen. Lasst die Männer und Frauen ihre Höhlen verteidigen, nicht weiter Tunnel schlagen!“

Auf die kurze Rede der Druidin folgte absolute Stille, bis das rasselnde Gelächter des Hohepriesters sie durchbrach und den Tempelwachen ein Zeichen gab, die Fremde vor die Tore zu geleiten. Noch bevor die Krieger sie ergreifen konnten, stieg weißer Nebel aus den Efeuranken um die Zwergin empor, der sie vor den Augen ihrer bärtigen Häscher verbarg. Weiße Federn wirbelten durch die Luft, als ein prächtiger Adler auf das goldene Osttor zuschoss. Der Druidin letzter, Mark und Bein erschütternder Schrei erklang in den heiligen Hallen Janderhoffs: „Ich habe euch gewarnt.“


Die Reihe wird mit Teil 2  fortgesetzt.

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