11. Rova, 4711 AK

Ravengro, Pfalzgrafschaft Kanterwall

An diesem eiskalten Morgen versammelte sich ganz Ravengro wieder am Denkmal von Gefängnisdirektor Lyvar Falkran. In der vergangenen Nacht war es wieder mit Blut geschändet worden. Die Buchstaben V, E und S waren in schillerndem Rot im grellen Licht der frühen Sonne unter dem grauen Schleier des Herbstes zu erkennen. Für mich war das keine große Überraschung mehr. Heute jedoch verfielen die ersten Dorfbewohner in weinerliche Klage. Sie hatten Angst, sie fürchteten sich vor dem makabren Schriftzug der sich da an ihrem Heiligtum, an ihrem Ort der Heldenverehrung abzeichnete.

Stralicia Mancini war bereits unter den verzweifelten Ravengroern. Sie befragte zusammen mit Santorio und einem unbekannten Burschen im Waffenrock Iomedaes Benjan Keller. Wenig später traf ein Helfer des Konstablers mit einem blassen jungen Mann in den schwarzen Gewändern der Kirche Pharasmas ein, der sich dem hochgewachsenen Unbekannten als Akolyth Alukard vorstellte. Dieser zog die weiße Kapuze vom Kopf, streifte den riesigen Schild vom Arm und reichte Alukard die Hand. Er gab sich als Schildknappe Balduan der Ritter von Ozem aus, während sein goldenes Haar in der Morgensonne schimmerte. Sogleich machte sich der Pharasmit an die Untersuchung des Blutes das die Ermittler umgab. Alukard setzte verschiedene Phiolen, Lösungen und Instrumente ein, konnte offensichtlich aber auch nichts genaueres feststellen. Die Ermittler unterhielten sich noch eine Weile, unglücklicherweise konnte ich nicht verstehen was sie sagten. Der Akolyth begleitete sie und ich folgte ihnen als sie nach Süden aufbrachen.

Wir wanderten den Hügel nach Schreckenfels hinauf. Von den anderen Erben Lorrimors fehlte jede Spur. Es war wirklich ein trauriger, farbloser Ort bar jeder Hoffnung. Stralicia wollte die drei Männer um das Haupthaus führen, doch Santorio und der Schildknappe betraten die Ruine durch den Haupteingang. Ich wartete eine Zeit, dann begab auch ich mich in die Schatten von Schreckenfels.

Eine brüllende Horde grässlich entstellter, geisterhafter Gefangener stürmte mir entgegen. Ich warf mich in einen der verwüsteten Warteräume und ließ die dunklen Schemen passieren. Die Ermittler waren getrennt worden. Balduan versuchte mit seinem Schild eine der fünf Türen in der Eingangshalle aufzustoßen, während Santorio einen Pfeil im Anschlag hielt. Stralicia und Alukard waren nicht zu sehen, ich vermutete die beiden hinter der Tür. Ein weiterer beherzter Stoß von Balduan und die Flügel sprangen auf. Die Variserin und der Akolyth standen zitternd in einem kargen Gerichtssaal.

Schweigend durchquerten wir eine Reihe von Räumen, bis wir in eine rußgeschwärzte Heizkammer gelangten. Die Ermittler schlüpften durch eine schmale Tür, während ich noch den alten Ofen begutachtete. Ich spürte die Anwesenheit eines bösen Geistes hinter dem rostigen Metall. Dann hörte ich ein schrilles Kreischen aus der Brennkammer. Es waren die letzten Schreie eines verbrennenden Mannes. Erschüttert wich ich zurück.

Die Ermittler mussten in einen Kampf geraten sein, denn als ich einen Blick auf die vier riskierte schloss Alukard unter Gebeten zu seiner Göttin die Wunden der Variserin. Sie waren in ein altes Krankenzimmer vorgedrungen. Zwischen löchrigen Feldbetten fanden sie verschiedene Salben, Gegengifte und Heiltränke, die mit dem heiligen Symbol Pharasmas markiert waren. Geheilt und gerüstet machten sich die vier Ermittler wieder an die Erforschung der Gefängnisruine. Sie entdeckten eine Pilzbefallene Waschküche, staubbedeckte Donnerbalken und jede Menge Unrat. Bewacht wurden die heruntergekommenen Räume von belebten Gegenständen. Erst der Zwangsmantel in der modernden Waschküche und dann die rostigen Handfesseln in dieser übergroßen Rumpelkammer, irgendjemand oder irgendetwas hauchte diesen Dingen unnatürliches Leben ein.

Wir erreichten einen Raum, dessen Tür nun bereits seit Jahren auf dem kalten Steinboden liegen musste. Wie die dunkle Kammer auf der anderen Seite des Türrahmens war das Türblatt von dicken Spinnweben bedeckt. Die Ermittler erleuchteten diese Dunkelheit mit dem Licht der Göttin Iomedae das vom Schwert des Schildknappen und vom Bogen Santorios strahlte. Sogleich stürzten sich die haarigen Weberinnen der Netze auf die Menschen. Ich vertraute in die Fähigkeiten der Abenteurer und folgte dem schmalen Gang neben der Kammer bis zu einer weiteren Tür. Dahinter lag der Korridor zur Eingangshalle.

Ich hörte Stimmen. Es war nicht das Raunen der Toten, es waren die anderen Erben Professor Lorrimors. Runa und Tira unterhielten sich, als Bestimotor Pami befiehl Gewalt anzuwenden. Die beiden Gruppen mussten zusammengeführt werden, um gemeinsam gegen das Böse anzukämpfen das der Ruine innewohnte. Ich eilte zurück.

Die drei Glaubensmänner waren noch damit beschäftigt die Kammer von den Spinnweben zu befreien. Offenbar handelte es sich um eine Kapelle die einst Pharasma geweiht worden war, so konnte ich nur die Aufmerksamkeit der Variserin gewinnen. Mit einer kleinen Illusion und verschiedenen Verzauberungen lockte ich Stralicia zur Eingangshalle. Dort hatten die drei anderen Erben die Geister der Gefangenen aufgeschreckt. Die negativen Energien von Schreckenfels hatten sich in den Türen manifestiert, die alle übernatürlich fest verschlossen waren. Es dauerte also bis Pami die Tür zum Korridor eingeschlagen hatte, doch dann standen sich die Abenteurer mit überraschten Gesichtern gegenüber. Ich hatte es geschafft, sie waren wieder vereint.

Ein Schatten am Ende des Korridors erregte die Aufmerksamkeit von Stralicia und Pami. Es war ein weiterer belebter Zwangsmantel der lautlos durch die Dunkelheit schwebte. Die bleiche Kriegerin stürzte sich auf das schwarze Leder. Sie teilte ein paar Schläge und Kratzer aus, bevor der Zwangsmantel sie völlig umschlossen hatte und die Luft aus ihren Lungen drückte. Pami stürzte bewusstlos auf den kalten Steinboden, während Stralicia mit ihrem Knüppel auf den Zwangsmantel eindrosch. Tira feuerte Bolzen um Bolzen mit ihrer Armbrust und Runa beschwor in der Zunge der Dämone Sarenraes Macht. Ich wendete von dem grellen Licht den Blick ab, doch als wieder hinsah, konnte ich Bestimotor in der tödlichen Umarmung des Mantels erkennen.Wie einer nasser Sack fiel der Gnom auf den Boden.

Der Geist eines Gefangenen von Schreckenfels erschien an der Seite von Bestimotor. Von seiner kräftigen Gestalt hingen geisterhafte Ketten herab, die begannen sich wie Schlangen um den leblosen Körper des Gnoms zu wickeln. In die Fesseln waren die heiligen Symbole unzähliger Götter eingelassen, die in einem pulsierenden blauen Licht erstrahlten. Stralicia wollte ihrem bewusstlosen Gefährten einen Trank einflößen, da wand sich Bestimotor mit schmerzverzerrtem Gesicht und schlug ihr das Fläschchen aus der Hand. Die magische Flüssigkeit spritzte auf die geisterhaften Ketten und rief eine heftige Reaktion hervor. Sie zischten wie Eisen, das von einer starken Säure angegriffen wurde. Dem Geist des Gefangenen über Bestimotor schenkte keine von den Abenteurerinnen Beachtung. Konnten sie den feist grinsenden Schemen etwa nicht sehen? Während noch immer die abscheulichen Worte Runas durch den Korridor hallten, zerstörte Tira mit einem Feuerzauber den belebten Zwangsmantel. Nun legte auch die Hexe ihre heilenden Hände auf die blau leuchtenden Ketten. Sie sprach die uralten Zauberformeln ihrer zwielichtigen Zunft und die Fesseln zersprangen. Der Geist verging laut schreien in grünblauen Flammen, während Bestimotor die Augen aufschlug. Die drei Damen hatten dem Gnom das Leben gerettet.

Obwohl Bestimotor bereits mit einem Fuß auf Pharasmas Beinacker gestanden hatte, begannen die Abenteurer nach den drei Glaubensmännern zu suchen. Stralicia führte die Gruppe zurück zu der alten Gefängniskapelle. Dort fehlte jedoch jede Spur zum Verbleib der Iomedaeanhängern und dem Pharasmaakolythen. Leicht verstört drängte die Variserin weiter in den Westflügel der Ruine vor.

Am Ende des schmalen Korridors entdeckten die Abenteurer eine Kammer, aus der es bis auf den dunklen Gang heraus nach verbranntem Fleisch roch. Sie hielten sich nicht lang in dem Gestank auf, sondern schlossen die Tür zu dem Raum wieder und folgten dem Korridor weiter nach Norden. An einer aufgequollenen Tür machten sie wieder halt. Pami stieß sie mit wenigen kräftigen Tritten aus dem Rahmen. Die kleine Gruppe betrat eine verwüstete Werkstatt. Stralicia hatte gerade den zierlichen, skelettierten Arm einer Frau in einem Haufen Unrat entdeckt, da erschien eine geisterhafte Dame aus bläulichem Licht. Sie trug ein wallendes Kleid und die langen Handschuhe einer Höhergestellten.

Bevor die Abenteurer ihre Waffen gehoben hatten, sprach sie mit klarer Stimme: „Endlich seid Ihr eingetroffen! Wir warten schon so lang auf Verstärkung und die Wachablöse. Man nannte mich einst Vesorianna Falkran, ich war die Gattin des Gefängnisdirektors.“ Jedes Wort von ihren vollen Lippen wurde von einer weißen Wolke begleitet wie Trauergesang in einer kalten Winternacht. Die Tote erzählte den Lebenden vom Geist ihres Ehemanns und wie er die fünf mächtigsten Geister, die der berüchtigtsten Gefangenen, auch im Jenseits noch auf Schreckenfels festhielt. Erst die Ankunft von „flüsternden Männern und Frauen in schwarzen Roben“ hielt Lyvar Falkran von der Erfüllung seiner Pflicht ab. „Der Anführer dieser geheimnisvollen Gestalten, ein ausgezehrter Mann in blankem Knochenharnisch, trug einen schaurigen Zauberstecken von dessen Spitze ein geknebelter Totenschädel ins Leere starrte. Mit eben jenem Stecken schleuderte er seine todbringende Magie auf einen Ravengroer. Ich hatte den Dorfbewohner bereits zuvor an der Ruine gesehen, doch den Zaubern des Flüsternden hatte er nichts entgegenzusetzen.“, fuhr sie weiter fort. Eine Zeugin, wir hatten tatsächlich eine Zeugin des Mordes an Lorrimor gefunden!

Doch Vesoriannas Rolle auf Schreckenfels war weit bedeutender. Sie hatte den Platz ihres Gatten eingenommen und hielt die untoten Gefangenen davon ab in die Welt der Lebenden zu entweichen. „Dort würden die rachsüchtigen Geister unsagbare Schrecken und Verderben verbreiten.“, prophezeite sie. Vesorianna spürte allerdings auch, dass einer der Fünf – der Zermatscher – stetig an Macht gewann. Er arbeitete irgendwo in der Dunkelheit der unteren Verliesebene an ihrer Vernichtung. Die Abenteurer berichteten der geisterhaften Dame von den blutigen Lettern am Schreckenfelsdenkmal, die ihnen daraufhin bestätigte, dass ihr ausgeschriebener Name sie unwiederbringlich zerstören würde, womit die letzte Barriere zwischen den untoten auf Schreckenfels und den Lebenden in Ravengro gefallen wäre.

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