Die Sczarni

Alle Variser sind Diebe! Nein. Aber viele sind es. Schuld an diesem schlechten Ruf sind unter anderem die Sczarni. Das Wort steht für eine Gruppe von verbrecherischen varisische Familien, die zwar weniger gewalttätige Verbrechen wie Betrug, Taschendiebstahl oder Raub begehen und das nur an Nicht-Variser, die aber auch nicht ganz ungefährlich sind.

Im Sommer 2007, als die Welt Golarion (also die durch Paizo vermarktete Kampagnenwelt) noch jung war, gab es noch nicht viel zu lesen über die Länder jenseits Varisias Grenzen. So war auch das Wort Sczarni noch nicht sehr viel näher beschrieben. Aus eben dieser Zeit stammt die folgende Schilderung einer Begegnung mit den varisische Schurken. Heute würde ich eher einen Schwindel oder einen ausgefuchsten Taschendiebstahl beschreiben, doch das Geschäft auf Kosten der elfischen Stachelkettenschwingerin Philomena Silbersichel vermittelt vielleicht die Idee hinter den zwielichtigen Landstreichern.

7. Neth, 4704 AK

Dunkle Wolken bedeckten den Abendhimmel. Eine Karawane aus Cheliax bewegte sich über eine staubige Handelsstraße, langsam auf die Metropole Korvosa zu. Die acht Planwagen trugen Waren aus Nirmathas und fernen Ländern wie Osirion, Geb und Nex auf die Märkte Varisias. Bewacht wurden die Händler von bezahlten Schwertkämpfern, unter denen sich auch eine junge Elfin befand. Ungleich ihren menschlichen Waffenbrüdern, bevorzugte sie weder Axt noch Schwert, sondern die Stachelkette. Ihr Name war Philomena aus dem Hause Silbersichel, einem uralten Söldnergeschlecht. Wie alle jüngeren Mitglieder des Hauses verbrachte sie die letzte Dekade ihrer Ausbildung als Karawanenwache in den Ländern der Menschen. Philomena empfand diese Zeit als äußerst eintönig. Die Straßen waren für sie im Grunde alle gleich, und in den Städten bekam sie meist nicht viel mehr zu Gesicht wie die Marktplätze, Herbergen und Stallungen. Die verschiedenen Völker denen sie begegnete, waren in ihren Augen meist schrecklich unterentwickelt, und so hatte sie gar nicht erst das Bedürfnis mit einem Menschen oder Halbling, Gnom oder Zwerg Freundschaft zu schließen.
Auch an diesem Abend saß sie stumm neben dem Kutscher des fünften Wagens und beobachtete die Ebene zu ihrer Rechten. Wie so oft, tat sich nichts.

Plötzlich wurde die monotone Stille durch ein unheimliches Donnergrollen in den fernen Bergen durchbrochen. Mit ihrem scharfen Blick erkannte die Elfin zwischen den weißen Gipfeln graue Wolkenfetzen und immer wieder bläuliche Blitze zucken. Wie sehr wünschte sie sich dort zu sein. Sie müsste gegen Wind und Wetter kämpfen, den Elementen trotzen, nicht einen alten Karren bewachen, mit Gütern die sowieso niemand haben wollte.
Dann kam der Regen. Philomenas staubiger Reisemantel war sogleich nass bis auf die Haut. Sie zog ihre Kapuze tiefer ins Gesicht, um sich gegen den mittlerweile peitschenden Regen zu schützen.

Es kam selbst der Elfin wie eine Ewigkeit vor bis die schaukelnden Wägen der Karawane endlich bei einer einsamen Herberge zum Stehen kamen. Das windschiefe Gebäude war nicht viel mehr als ein schlampig zusammengenagelter Haufen Bretter, doch waren alle froh ihre Hände am prasselnden Feuer im Schankraum wärmen zu können. Zu Essen gab es einen braunen Eintopf, der so schmeckte wie er aussah und vermutlich gab es keinen der seine Schüssel an diesem Abend vollkommen leerte. Wie so oft gingen viele der Frauen früh zu Bett, während die Männer noch bis spät in die Nacht zechten.
Unzufrieden mit ihrem Leben als Karawanenwache, stand auch Philomena noch am Tresen und nippte an ihrem zu stark gewürzten Glühwein. Die Elfin beobachtete ihre Kameraden, die beim Armdrücken um ihren Sold, oder beim Würfeln um Haus und Hof spielten. Plötzlich schlug ihr ein fettleibiger Zwerg mit der flachen Hand auf den Hintern. „Was macht so ein hübsches Ding wie du denn hier, so allein an einem so lustigen Abend? Komm her, ich will dir bisschen Gesellschaft leisten!“, hauchte der Zwerg ihr mit einer gehörigen Fahne Bier empor und zog sie grob zu sich heran. Lüstern tastete er ihren wohlgeformten Körper ab, bis er sich den Bierschaum aus dem Bart wischte, um ihr seine fleischigen Lippen auf den Mund zu drücken. Mit einem gut gezielten Schlag gegen das Kinn des Lüstlings, befreite sich die Elfin aus der widerlichen Umarmung. Der Zwerg taumelte ein paar Schritte zurück, schüttelte seinen rasierten Schädel und nahm Anlauf. Die Wut in seinen Augen verriet, das Vorhaben: sein Objekt der Begierde einfach gegen den Tresen zu drücken, so dass Gewandtheit keine Rolle mehr in diesem Kampf spielen würde. Er stürmte los, doch die Elfin war viel zu schnell für ihn. Elegant trat sie einen Schritt zur Seite, und ließ den schnaufenden Zwerg mit voller Wucht gegen den Tresen laufen. Wie so mancher Krug, kippte auch der plumpe Angreifer nach hinten über. Zornige Stimmen raunten durch den Schankraum, finstere Blicke hafteten auf der grau gekleideten Frau, aber auch erheitertes Gelächter war zu vernehmen.

Die Elfin beschloss, dass es an der Zeit war, es den übrigen Frauen gleichzutun und sich schlafen zu legen. Auf den Boden blickend bahnte sie sich einen Weg durch die grölenden Trunkenbolde. Ein Paar gelbe Stiefel wollten sie nicht vorbeilassen. Ungleich den Schuhen der Karawanenwächter waren sie verhältnismäßig sauber. Langsam hob Philomena den Kopf. Blau bestickte Leinenhosen steckten in den gelben Stiefeln. Die Hosen wurden von einem roten, grün bestickten Gürtel gehalten, über den wiederum ein schlichtes Leinenhemd hing. Über dem Hemd trug der Fremde eine mitternachtsblaue Weste mit silbernen, sternenförmigen Knöpfen. Der orangefarbene Schal an seinem Hals, sowie seine gebräunte Haut und das dunkle Haar sprach für einen Variser. Mit einem fiesen Grinsen im Gesicht versperrte er ihr weiterhin den Weg. „Du willst doch nicht etwa schon gehen, meine Liebe?“, fragte er, ohne ernsthaft eine Antwort zu erwarten. „Sogleich erkannte ich die sicheren Schritte einer geübten Kriegerin. Wollen wir vielleicht ein Tänzchen wagen?“. Die Elfin wich dem Blick des Menschen immer noch aus und erkannte dabei, dass sich ein kleiner Kreis um sie herum gebildet hatte. Ihre Kameraden standen mit neugierigen Augen neben anderen Reisenden, unter denen sich noch mehr Variser befanden. „Lieber nicht.“, stammelte sie dann, und wollte ihren Weg fortsetzen. Doch eine schallende Ohrfeige des Fremden hinderte sie daran. Philomena spürte die Hitze in ihrer Backe und wie Blut aus ihrem Mundwinkel rann. Erschreckt wirbelte sie herum. Der grölende Ring aus Schaulustigen war gewachsen und so sehr sie es auch versuchte, es gab kein Entkommen. Mit gezückten Dolchen überzeugten sie die lachenden Variser, keine weiteren Fluchtversuche zu unternehmen. Sie musste sich dem Duell mit dem Fremden stellen.

Entschlossen schob sie sich das rote Band in die Stirn, das sie stets um ihren Hals trug und nur im Kampf aufsetzte. Grinsend umkreiste sie der Variser. „Waffen?“ „Ich wähle die Kette.“, antwortete die Elfin selbstsicher, dann zog sie ruckartig eine lange, stachelbesetzte Kette aus ihren grauen Kleidern hervor. Der Fremde grinste nur, und trat einen Schritt zurück. Philomena begann ihre Waffe zu schwingen, eine Verteidigungshaltung aufzubauen, doch die angedeuteten Angriffe des Varisers verunsicherten sie. Obwohl er keine Waffe in der Hand hielt, war ihr dieses erste Abschätzen des Gegners bereits äußerst unangenehm. Die anfeuernden Rufe der Menge verleiteten die Elfin schließlich zum Angriff. Geschickt drehte sie sich mit dem Schwung ihrer Kette und verlagerte das eine Ende der Waffe kurzzeitig so, dass es mühelos das Handgelenk ihres Gegners hätte zertrümmern können, wäre dieser noch da, wo er vor einem Moment noch gestanden hatte. Geräuschvoll sauste die Kette durch die Luft. Der Variser war ihr während dieses Manövers ein gutes Stück näher gekommen, er setzte gerade zu einem Sprung an, als Philomena die Kette rasselnd zurückschnellen ließ. Nur knapp entkam der Fremde dem unerwarteten Angriff der Elfin. „Nicht schlecht!“, gestand der Mann. Wieder umkreiste er sie, und wieder täuschte er unablässig Attacken an, während Philomena versuchte ihre Verteidigung aufzubauen. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass die Zuschauer dabei waren Wetten abzuschließen, was die Wut auf den höhnisch grinsenden Variser nur noch stärker machte. Er wollte sich tatsächlich auf ihre Kosten auch noch bereichern. Unüberlegt griff sie an. Sie versuchte einen der gelben Stiefel mit ihrer Kette zu erwischen, um den Menschen von den Beinen zu fegen, doch der sprang einfach über ihre Waffe hinweg, direkt auf sie zu. In einer fließenden Bewegung zog er sich den Schal von den Schultern und wickelte ihn um ihren rechten Arm. Zu spät erkannte sie die wahre Natur des Kleidungsstücks, dessen Innenseite mit rasiermesserscharfen Klingen gespickt war. Mit einem heftigen Ruck, riss er den Schal wieder von ihr, worauf ein unglaublicher Schmerz durch ihren Arm schoss. Es fühlte sich an, als hätte er ihn ganz abgerissen, oder hätte ihr die Haut in einem Stück abgezogen. Vom Schmerz überwältigt, ließ sie ihre Waffe fallen und stolperte zurück. Wie eine Meute hungriger Wölfe hasteten die Variser unter den Zuschauern an ihr vorbei, um den Gewinner des Kampfes zu beglückwünschen.
Noch immer von Schmerz gepeinigt, wankte sie aus der Herberge in die verregnete Nacht hinaus.

Bildnachweis: http://paizo.com/paizo/blog

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