15. Rova, 4711 AK

Ravengro, Pfalzgrafschaft Kanterwall

Der graue Nebelschleier hatte sich endlich gelichtet und gab den Blick auf einen strahlend blauen Himmel, weiße Wolken und die goldene Sonne preis. Auch das Dorf war nicht wiederzuerkennen. An jeder Straßenecke fanden sich kleine Verkaufsstände mit den verschiedensten Köstlichkeiten: dicke, rote Knoblauchwürste und würzige Fleischspieße, saftige Gänseleberpasteten und sogar Kolasch, die heiligen Teigzöpfe Pharasmas gehörten zu dem reichhaltigen Angebot. Zokar Elkarid, der Wirt des Lachenden Dämons, schänkte seine Flüßigen Geister mit einem besonders breiten Grinsen in handlichen Fläschchen aus, während Sarianna Wai, die Besitzerin des Grenzgasthofs, dunkles Bier in schweren, irdenen Krügen an den Mann brachte. Plötzlich rollte gar eine ganze Wagenladung Caydenbräu über den Dorfplatz. Ich folgte den tanzenden Fässern über die unebene Straße nach Westen.

Eine Gruppe grölender Burschen mit grünen Orkmasken stürmte an mir vorüber. Ich wirbelte orientierungslos umher, doch als ich die bunt gespickten Felder vor Ravengro erblickte, wusste ich was hier gespielt wurde. Wie jedes Jahr hatte das Wandernde Volk neben den Festzelten der Dorfbewohner ihre farbenprächtigen Planwagen aufgeschlagen und es wurde Orktoberfest gefeiert!

Ich sah die Ravengroer beim Hau‘ den Lukasch und beim Armbrustschießen, mit Lederbällen auf scheppernde Orkhelme werfen und giftgrüne Zuckerfinger lutschen. Alendru Ghoroven, der wortkarge Besitzer der Offenen Schriftrolle, versah die zahlkräftigeren Kunden sogar mit etwas Flugmagie. So schwebten über den Köpfen der Festbesucher feine Damen in aufgebauschten Kleidern und Edelmänner in flatternden Röcken.

Die jungen Männer und abenteuerlustigen Weiberleute machten dabei Jagd auf die berüchtigten Schwarzen Rosen. Zum Ausdruck ihres guten Willens und Beistands soll Pharasma diese heiligen Blumen in ihrer dunklen Pracht erblühen lassen, und so trugen die Rosenbüsche in Ravengros Tempelgarten am Morgen jener entscheidenden Schlacht gegen die marodierende Orkhorde das schwarze Gewand der Göttin. Fromme Krieger bekamen von ihren Herzensdamen eine solche Rose im Tausch gegen das Versprechen wohlbehalten wiederzukehren. Keiner von ihnen soll in der Schlacht gefallen sein und heute erinnert man sich diesem Wunder mit dem Brauch eine Rosenkönigin zu erwählen.

Erst gegen Abend versammelte sich ganz Ravengro, und vermutlich der Rest von Kanterwall, im großen Festzelt zum Wetttrinken. Kendra Lorrimor und die anderen Erben des Professors waren auch zugegen. Die Dorfbewohner traten ihren frisch gebackenen Helden freundlich und aufgeschlossen gegenüber. Kein Vergleich zu den ersten Tagen nach Petros Lorrimors Beisetzung. Die Halblinge Brando und Brienda brachten den drei Damen, den beiden Glaubensmännern und dem Gnom in karamellisiertem Zucker gebrannte Nüsse, während alle anderen höflich grüßten und die Träger des Silbernen Raben zu ihren Erfolgen beglückwünschten. Als vereidigte Ermittler der Pfalzgrafschaft hatten sie dem eingestaubten Abzeichen in Schreckenfels wieder zu neuem Glanz verholfen.

Jorfa die Schmiedin, der Wirt Zokar Elkarid und der Bauer Ianosch nahmen gerade Platz an dem langen Tisch auf der Tribühne, da sprang Stralicia Mancini zu ihnen empor. Das Wetttrinken begann mit der Wagenladung Caydenbräu, der ich zuvor aus Ravengro auf die Festwiese gefolgt war. Ianosch fiel bereits ziemlich früh neben seinen Krug unter Tisch; das grinsende Gesicht von Elkarid schlug aber wenig später zwischen dem Uskeba auf. Die Varisianerin musste sich schließlich in einem ehrwürdigen Zweikampf der Zwergin Jorfa und dem Gebräu aus ihrer eigenen Heimat im Westen geschlagen geben.

Akolyth Alukard führte gegen Mitternacht seinen Hohepriester, Vater Vauran Grimmgräber, zu der geschmückten Tribühne hinüber. Der Tradition nach krönte das Oberhaupt des Pharasmatempels die Rosenkönigin von Ravengro, bestimmt wurde die Glückliche jedoch durch den erfolgreichsten Wettstreiter des Orktoberfestes. Um diesen Vorkämpfer zu ermitteln zählte einst der Graf oder die Gräfin, heute die versammelten Ratsmitglieder Gharen Muricor, Schanda Faravan, Mirta Straelock und Vaschian Feuerross die gesammelten Schwarzen Rosen aus.

Nachdem Bestimotor von Simmelwitz unter brüllendem Gelächter unehrenhaft vom Wettstreit um die Krone der Rosenkönigin ausgeschlossen wurde – und das auf Lebenszeit – trat die eigentliche Siegerin, Runa Corvijn, ihre Schwarzen Rosen an den zweitplatzierten Konstabler ab. Benjan Keller gestand daraufhin der Apothekerin, Jominda Fallbrück, seine Liebe und erwählte sie zur diesjährigen Rosenkönigin.

In den frühen Morgenstunden beschloss auch ich mich im Lachenden Dämon zur Ruhe zu begeben und machte mich auf den Weg zurück nach Ravengro.

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