27. Rova, 4711 AK

Lepidstadt, Pfalzgrafschaft Vieland

Lepidstadt glich einem großen Jahrmarkt. Die Stimmung war allerdings nicht so ausgelassen wie wenige Tage zuvor noch auf dem Orktoberfest; die Besucher und Bewohner der Stadt feierten das Ergreifen der Bestie, doch warteten sie nun auf die Hinrichtung des berüchtigten Monsters. Ein riesiger Scheiterhaufen war auf dem Hauptplatz vor dem Gerichtsgebäude errichtet worden aus dem der gefürchtete Funkenmann aufragte. In dem bedrohlichen Holzkonstrukt wurden die zum Tode Verurteilten bei lebendigem Leibe verbrannt.

Bevor sich die Erben Lorrimors diesem Trubel hingaben, machten sich die drei Damen und der Gnom auf die Suche nach einer Bleibe. Kendra Lorrimor hatte gemeinsam mit der varisianischen Wahrsagerin und den Verwachsenen, vor den Toren der Stadt ein Lager aufgeschlagen. Die Glaubensbrüder Iacobus und Balduan hatten bereits einen Tag zuvor Lepidstadt erreicht und es sollte noch eine Weile dauern da die Helden von Ravengro wieder zusammenfanden.

Erst am frühen Nachmittag errungen sie letztendlich einen Schlafplatz in der schäbigen Dachkammer der Herberge Zum Leeren Katapult. Alle anderen Gästehäuser Lepidstadts hatten sich als restlos überfüllt erwiesen.

Ein kleiner schmutziger Junge, den die Wirtin nur Bock schimpfte, führte die Abenteurer in ihr schlichtes Gemach. Grauweißer Taubendreck bedeckte den verwinkelten Bretterboden und nur der Gnom konnte hier neben dem Jungen aufrecht stehen. Über seinem rußgeschwärzten Gesicht waren die Ansätze eines Hörnerpaars zu erkennen. Bock war ein Tiefling. In seinen Adern floss das Blut von Scheusalen. Daran Bestand kein Zweifel.

Völlig eingeschüchtert zuckte Bock bei jeder plötzlichen Bewegung seiner Gäste oder einem unerwarteten Geräusch zusammen. Nachdem er von Runa ein fürstliches Trinkgeld erhalten hatte, huschte er aus der Dachkammer.

Als die Abenteurer in die Stadt zurückkehrten, wandelte ich gedankenverloren durch die Herberge. Der Ort war still und verlassen. Die Gäste hatten sich offenbar dem Treiben in den Gassen hingegeben.

Wieder in den verdreckten Gemächern der Erben angelangt, entdeckte ich Bock über den Sachen seiner Gäste. Vorsichtig durchsuchte er ihre Gewänder, Ausrüstung und Fundstücke. Die dunklen Augen des Tieflings funkelten begeistert auf, als sie die Silbernen Raben – die Abzeichen der Ermittler Ravengros – entdeckten. Er hielt sie in das fahle Licht des einzigen Dachfensters und polierte sie mit seiner zerlumpten Weste, um sie erneut im Licht glitzern zu lassen. Dann legte er sie behutsam auf die Fußpfette und öffnete die Truhe mit Büchern, in die ich auch meine Chronik der Helden von Ravengro geschmuggelt hatte.

Er schlug mein Reisetagebuch auf und runzelte die Stirn. Dann erhellte sich sein dunkles Gesicht in einem Ausdruck freudiger Überraschung. Hastig blätterte der kleine Bursche bis zu den Überresten der ausgerissenen Seiten und damit zum Beginn meiner Aufzeichnungen in Ravengro.

Zu meinem Erstaunen sprach er jedes gelesene Wort mit. Zu lang war es her, dass meine Niederschriften – wenn auch nur im Flüsterton – laut verlesen worden waren. Ich war berührt und ließ mich von der zittrigen Stimme des Tieflings in die Vergangenheit tragen…

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