13. Arodus, 4711 AK

Ravengro, Pfalzgrafschaft Kanterwall

Im Norden stritten Barbaren mit den unbarmherzigen Orks von Belkzens Boden, während im Süden Galgenkopf – der Kerker des Wispernden Tyrannen selbst – seinen finsteren Schatten auf die Wälder und Hügel von Ustalav warf.

Des Tages herrschte ein bedrückender Frieden, bei Nacht die Angst vor den ruhelosen Geistern der Toten. Ein hervorragender Ort um nach den Helden dieses Zeitalters zu suchen! In Korvosa, dem Juwel Varisias, hatte ich vor vielen Monden diese Suche begonnen.

Nebel verhüllte Ustalav wann immer unsere Wagen über seine schlammigen Straßen gerollt waren. Das erbärmliche Geheul eines hungrigen Wolfs irgendwo in der mondlosen Nacht jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken. Die aufgeweichten Handelswege durchzogen das Land wie die braunen, verdreckten Adern einer Blutvergiftung den farblosen Leib des Erkrankten. Sie verbanden die Zentren Ardis, Karcau und Caliphas mit den lebenswichtigen Kornkammern von Kanterwall, den Weinbergen von Varno und dem geschuppten Silber von Versex, dem Fischfang in der Avalonbucht.

In Caliphas war ich an Land gegangen, aber erst in Ardis hatte ich die Wahrheit erkannt: Ustalav war im Verfall begriffen. Die uralten Adelsgeschlechter, die Grafen und Fürsten konnten ihren Ahnen nicht das Wasser reichen. Ihre Besitztümer hatten den Glanz von einst verloren, ihre Marmortafeln waren gesprungen, ihr Stahl mit Rost bedeckt und von ihren kunstvollen Wandgemälden blätterte die Farbe.

Es besaß jedoch ebenso die makabre Schönheit, die man den Vampiren nachsagte. Die feingliedrigen Kathedralen, Schlösser und Mausoleen suchten Ihresgleichen an der Inneren See und darüber hinaus; die Kunstsammlungen der großen Häuser waren noch immer prächtig, mit Werken aus allen Winkeln Avistans, Casmarons und Garunds.

Nachdem Königin Ileosa die Tintenteufel in alle Winde zerstreut hatte war ich also wieder auf der Suche. Mich hatte es ins Hinterland von Ustalav verschlagen, wo die Landbevölkerung noch auf Helden hoffte, auf Männer und Frauen die sie vor den Schrecken der Nacht behüten mögen. Ich war kein solcher Held und würde niemals einer sein. So hoffte auch ich auf Glücksritter und furchtlose Abenteurer. Ihre Chronik, meine Niederschrift ihrer Taten, sollte mich mit ihnen unsterblich machen.

Es war der einzige Weg mir meinen Traum zu erfüllen. Bei Caileans Kelch, ich wollte Kundschafter werden! Absalom mit eigenen Augen zu sehen, verlorenes Wissen ans Licht des Tages zu bringen und dabei von glorreichen Taten zu berichten, das war das Leben wie ich es mir erträumte.

Die Geschichten vom Springenden Hans hatten mich nach Ravengro verschlagen. Ein Nest im Schatten der berüchtigten Gefängnisruine Schreckenfels, das seine Berechtigung im Feuer auf den Hügeln verloren hatte. Ja, hier wollte ich fündig werden. Der blaue Teufel, den die Leute nur den „Springenden Hans“ nannten, zog von Schänke zu Schänke durch ganz Kanterwall. Er verhöhnte die tapfersten Krieger, hüpfte von Dach zu Dach und spuckte seinen bedauernswerten Opfern garstige Worte und tödliche Flammen ins Gesicht.

An diesem Abend waren zwei Abenteurer angekommen. Ein Zwerg und eine Elfin. Sie jagten den Springenden Hans mit Axt und Bogen, und ich wollte von dieser Jagd berichten. Bevor ich mich auf den Weg in den Grenzgasthof machte, warf ich noch einen Blick in den Spiegel meiner Dachkammer:

Avanil Sternentänzer trug eine abgewetzte, rote Samtweste auf die mit Goldfaden winzige Drachenlöwen gestickt waren über einem weißen Hemd. Sein platinfarbenes Haar hatte der gutaussehende Mann mit ei­ner schlichten Lederschnur zu einem Pferde­schwanz gebändigt. Die nachtblauen Augen und die spitzen Ohren verrieten die Elfen unter seinen Ahnen. Die waldgrünen Hosen des Halbelfen steckten in passenden Kniestiefeln, während an seiner Hüfte das schlanke Rapier eines Edelmanns seiner Zeit baumelte. Mit einer fließenden Bewegung hüllte sich mein Spiegelbild in den blauen Überwurf mit dem Silberrand.

Ich wollte gut aussehen, da ich meinem Schicksal gegenübertrat, doch zu mehr hatte es nicht gereicht. Mit einem Säufzer öffnete ich die Tür.

*     *     *     *    *

Es regnete. Das Dorf war wie ausgestorben. Nur aus den großzügigen Butzenfenstern der Herberge fiel goldenes Licht auf die Straßen von Ravengro. Aus den Stallungen drang ein Flüstern an meine Ohren. Nicht viel mehr als ein Wispern in der Dunkelheit. Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte: „Wer da?“

Vier Gestalten, unter schwarzen Roben verborgen, schälten sich aus der Finsternis. Die Pferde wieherten verstört auf als die flüsternden Vier auf mich zukamen. Sie gaben keine verständliche Antwort, doch zwischen den aufgebrachten Pferden vernahm ich die Hufe und das rasselnde Zaumzeug eines weiteren Reittiers hinter mir. Ich vergeudete keine Zeit und riss die Tür des Gasthofs auf.

Die Abenteurer waren nicht aufgetaucht. Die vier – oder waren es gar fünf? -unbekannten Reiter aus den Stallungen hatten den Grenzgasthof nicht betreten. Nach einem langen, ereignislosen Abend des Wartens, machte ich mich also wieder auf den Heimweg in den Lachenden Dämon.

*     *     *     *    *

Eine Handvoll Dorfbewohner spielten Türme im Schankraum. Der Wirt Zokar Elkarid brachte gerade einen Humpen Bier und ein Glas Wein an das prasselnde Kaminfeuer. Der ewige Regen machte in diesem Land selbst noch die Sommernächte kalt und unfreundlich. Es kam nicht überraschend, dass die beiden Abenteurer allein am Kamin saßen. Die Leute hier fürchteten Fremde und das Unbekannte, wie der Großteil der einfachen Bevölkerung Ustalavs.

Elkarid hatte gerade mit einem breiten Grinsen meine Bestellung entgegengenommen, da sprang der Zwerg auf. Sein weißer Bart war von grauen Strähnen durchzogen und hüpfte auf seiner Brust als er mit gezogener Axt auf uns zuspurtete. Die Elfin sprach einen Zauber und trug für einen Augenblick einen rot glühenden, durchschimmernden Brustpanzer. Sie nahm ihren Bogen, schlang sich den buntgefiederten Köcher um und huschte ebenfalls mit einem Lächeln auf den Lippen an uns vorüber.

Ich wirbelte herum und folgte ihnen in die Nacht hinaus.

Blaue Flammen erfüllten die kühle Luft. Der Zwerg fiel gurgelnd zu Boden, als ihm eine dunkle gehörnte Gestalt einen funkelnden Dolch durch den Bart und die Kehle zog. Die Elfin feuerte einen grün gefiederten Pfeil auf den hinterhältigen Angreifer, doch dieser war bereits auf dem Dach des Nachbarhauses gelandet. Im silbrigen Licht des Mondes sah ich den lauernden Teufel zu einem mächtigen Sprung ansetzen. Sein Oberkörper glich dem eines jungen Mannes mit drahtigen Muskeln, während sein Unterleib die haarigen Beine und gespalteten Hufe einer Ziege aufwies. Haut und Fell des Monsters schimmerten purpurfarben auf, wie in einer Mischung von Blut und Tinte getränkt. Über seinen rot leuchtenden Augen saßen lange, spitze Hörner. Die Elfin legte gerade einen weiteren Pfeil auf die Sehne ihres Bogens, da hatte sie der zischende Teufel schon erreicht. Sie stolperte ob der Wucht des Aufpralls zur Seite, dann umgaben sie blaue Flammen aus dem Maul des Monsters. Der Springende Hans kletterte auf die Brust der gestürzten Frau und stach schrill lachend auf sie ein.

Ich traute mich nicht meine Angst herunterzuschlucken. Lautlos schlüpfte ich zurück in den Lachenden Dämon und schloss die Tür.

*     *     *     *    *

Diese Niederlage konnte mich dennoch nicht von meinem Vorhaben abbringen.
Ich werde die Blutige Spur vom Springenden Hans weiterverfolgen und schwöre mit diesen Zeilen nicht zu ruhen ehe ich die Helden dieses Zeitalter gefunden!

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13. Arodus, 4711 AK

2 Gedanken zu “13. Arodus, 4711 AK

  1. […] Dieser (sehr viel mächtigere) Springende Hans sollte allerdings als Einzelgänger mit legendärem Ruf als hinterhältiger Mörder eingesetzt werden. Schließlich war es dieser berüchtigte Verbrecher, der den Chronisten Avanil Sternentänzer nach Ravengro gelockt und damit auf die Fährte der Silbernen Raben gebracht hat: 13. Arodus, 4711 AK! […]

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