28. Rova, 4711 AK

Lepidstadt, Pfalzgrafschaft Vieland

Die zurückkehrenden Erben Lorrimors verscheuchten mich aus meinem Versteck in der Dachkammer. Am gestrigen Tag hatten sie offensichtlich noch die Freunde des toten Professors, Embreth Daramid in ihrem herrschaftlichen Stadthaus und Montagnie Kroll in der Universität zu Lepidstadt aufgesucht. Genächtigt hatten sie trotz der Mühen des Vortags aber nicht im Leeren Katapult.

Im Schankraum schlugen sich die anderen Gäste mit einem kümmerlichen Morgenmahl aus Haferschleim und trockenem Brot den Bauch voll. Der Bestienprozess war in aller Munde. Die Geschichte war nur so furchtbar enttäuschend. Sie hatte keine Helden. In blinder Zerstörungswut war das Scheusal von Gardisten in der Universität festgesetzt worden. Und dann hatte auch noch Richterin Embreth Daramid die Erben Lorrimors damit beauftragt die Schuld des Monsters zu überprüfen. Sie stellte diese tatsächlich in Frage! Warum? Die Bestie suchte Lepidstadt bereits seit Dekaden heim, erschlug harmlose Männer, erdrosselte Frauen im Schlaf und raubte unschuldige Kinder! Sie hatte es verdient zu brennen! Genau wie ihr gottloser Schöpfer, der die Bestie aus Mördern und Vergewaltigern, aus Orks, Trollen und Schlechterem zusammengefügt hatte.

Aber ich wollte dem Urteilsvermögen der Helden Ravengros Vertrauen schenken, sie bei ihren Untersuchungen begleiten und mir ein eigenes Bild von der Sachlage machen.

*     *     *     *     *

Nebel verbarg den Dippelweihersumpf vor meinen Augen, doch nicht so sein schauriges Gurgeln, ruheloses Brodeln und widerwärtiges Schmatzen vor meinen Ohren. Ich folgte den Erben Lorrimors in sicherem Abstand auf meinem Geisterross, das ich mit der letzten verbliebenen Schriftrolle des Zaubers beschworen hatte.

Wir erreichten den Weiler Morast noch am frühen Vormittag. Zwischen weißen Nebelfetzen standen vermodernde Holzbauten aus den Marschen. Blaue und grüne, gelbe und purpurfarbene Pilze wucherten an Pfeilern, Balken und Sumpfgras gedeckten Dächern. Schmale Planken und ungeschälte Baumstämme verbanden die einzelnen Gebäude, die wie geheimnisvolle Inseln im Dunst trieben.

Die Erben Lorrimors sprachen beim Dorfältesten vor, während ich über die vertäuten Nachen der Fischer weiter in den Sumpf hinaus wandelte. Plötzlich kletterten die drei Damen, gefolgt von drei Sumpfbewohnern aus dem Nebel zu den Booten herab. Ich verbarg mich in einem Haufen Fischernetze, kurz darauf spürte ich wie sich der Nachen in Bewegung setzte.

Als ich aus meinem Versteck lugte näherten wir uns einer bewaldeten Insel. Fetische aus Knochen, Federn und Tierhäuten hingen von den verkrüppelten Ästen toter Bäume und steckten zwischen immergrünen Nadeln. Die Fährmänner aus Morast blieben in den Nachen zurück, während die Abenteurer an Land wateten. Ein elendes Gebrüll durchbrach die trügerische Stille und eine monströse Gestalt erhob sich in den bedeckten Himmel. Sie wurde von ledrigen Schwingen getragen, besaß den geschwollenen Leib einer trächtigen Raubkatze und das Gesicht einer verbitterten Frau. Eine Mantikorin!

Zu der Insel hinübereilend, verbarg ich mich hinter einem moosbedeckten Felsblock. Der Schwanz des Monsters peitschte hervor und ein Schauer tödlicher Stachel regnete auf die drei Frauen hinab. Ich spürte ihre Furcht und stimmte ein altes Schlachtlied der Ulfen an. Die erste Strophe eines langen Heldenepos über einen ihrer berühmtesten Lindwurmkönige, ein Heldenlied das meine Mutter von meinem Vater gelernt hatte und mir vorzusingen pflegte. Es sollte ihnen Kraft und Mut im Kampf verleihen. Ja, und es wirkte! Mit ihrer Magie bezwangen die Drei das Monster.

Jammernd flüchtete es in den Sumpf. Nun erkannte ich den Grabstein vor mir. Das war ein Friedhof. Heiliger Boden, geschützt von den kellidischen Fetischen. Die Frauen teilten sich auf und suchten die ganze Insel ab. Im Nest der Mantikorin fanden sie die Leiche eines Zwergs, gespickt mit den Stacheln des Monsters; im faulenden Wasser der Marschen einen löchrigen Kahn mit grausigem Inhalt; im braunen Sumpfgras an den Ufern der Insel  bargen sie dazu verschiedenste Fundstücke, die hier mit Bestimmtheit nicht hingehörten; nur fanden sie keine eindeutigen Beweise für die Unschuld der Bestie.

Ich machte mich auf den Rückweg nach Lepidstadt. Ohne Reittier würde ich lange nach den drei Damen dort ankommen.

*     *     *     *     *

Wieder gepflasterte Straßen unter meinen Füßen, beschloss ich mich auf die Suche nach den beiden Glaubensmännern zu machen. Die Ermittlungen von Iacobus Antonius Santorio und seinem treuen Schildknappen erschienen mir deutlich vielversprechender. Ich vermutete sie in einem der Gotteshäuser von Lepidstadt. Da sie in Ravengro eng mit der Kirche der Pharasma zusammengearbeitet hatten, um die ruhelosen Geister der Gefangenen von Schreckenfels zu vernichten, begann ich meine Suche an der Grabfülle. Über die Fassade der berühmten Kathedrale der Pharasma galoppierte eine Armee skelettierter Streitrösser, auf ihrem Kurs immer im Aufstieg begriffen, während sie in die ätherische Domäne der Göttin auffuhren. Von den Iomedaner fehlte jede Spur.

Neben der Kathedrale gab es dem Anschein nach keine weiteren ausgemachten Tempel in Lepidstadt, so versank ich erfolglos an einem Schrein der Desna nahe dem Westtor in kurzem Gebet und bat um Glück für meine Suche, bevor ich mich daran machte die Gasthäuser abzugehen. In den Schänken und Tavernen, den Herbergen und Gasthöfen herrschte die Heiterkeit. Noch immer feierte man den Bestienprozess und dessen todsicheren Ausgang.

Erst spät in der Nacht belauschte ich eine Gruppe Studenten im Bronzeschädel wie sie sich über „die zwei Kreuzritter“ lustig machten. Einer der jungen Männer hatte einen ganzen Tisch aufgestellt und hielt ihn zur Veranschaulichung seiner Posse wie einen Turmschild zwischen sich und seine Saufkumpane. „Ich hätte ihn ganz umrundet, ehe der Blecheimer auch nur seinen Schild angehoben!“, höhnte er. Sein Publikum prustete mit roten Backen und glasigen Augen, bis der Spassmacher etwas ernster fortfuhr: „Vielleicht statten wir dem Liebespärchen im alten Arodenschrein einfach noch einen Besuch ab und fordern zum Tanz?!“ Die anderen Studenten schüttelten beschämt die Köpfe. „Die Nördliche Hafenstraße ist zu so später Stunde voller Diebe und Gesindel. Da haben es Edelmänner, wie wir es sind, schwer mit unserem Sinn für Ehre und einen aufrichtigen Kampf. Lasst uns lieber noch eine Runde bestellen.“

Mit diesem Wissen kehrte ich zuversichtlich in die Herberge und zu meinem Reisetagebuch zurück.

Advertisements
28. Rova, 4711 AK

4 Gedanken zu “28. Rova, 4711 AK

  1. Mhyr schreibt:

    Vielen Dank! Morgen könnte es allerdings wieder interessanter für dich und den anderen Strahlemann werden…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s