29. Rova, 4711 AK

Lepidstadt, Pfalzgrafschaft Vieland

Ich erwachte noch vor der Morgendämmerung aus einem wirren Traum. Bei Sonnenaufgang wandelte ich bereits am Westufer des Kleinen Moutray entlang. Möwen kreischten ihren Hunger in die kalte Morgenluft hinaus; Hafenarbeiter und Fischer verrichteten ihr frühes Tagewerk, sonst waren nur noch Dirnen und Säufer der vergangenen Nacht in den Gassen zu finden.

Kein Wunder, dass ich den Schrein am gestrigen Tag übersehen hatte. Es war eines der wenigen Steingebäude an der Nördlichen Hafenstraße, doch Unkraut verbarg das Gotteshaus vor dem Ahnungslosen. Nur die hohen Ostfenster waren nicht restlos eingeschlagen, während die verdreckten Halbplastiken in den Wandnischen kaum noch als heilige Frauen und Männer zu erkennen waren. Der Rundbogen des Portals war von dicken Efeuranken überwuchert, die Türflügel standen aber einladend offen.

Zunächst hielt ich es für ein frühes Bildnis Iomedaes, doch der Schrein war dafür viel zu alt. Die Westwand wurde demnach von einem verblassenden Wandgemälde geziert das Arazni, die Schutzheilige der Ritter von Ozem und die gefallene Heroldin des Aroden, zeigte. Sie war 3823 AK von Tar-Baphon aufs ärgste gepeinigt und niedergestreckt worden; ihre heiligen Gebeine 3890 AK aus der Zitadelle des Ritterordens vom Geisterkönig Geb geraubt. Das Schicksal der Halbgöttin war dennoch nur eine von unzähligen Tragödien die der Wispernde Tyrann heraufbeschworen hatte.

Im rot gesprenkelten honigfarbenen Licht der bemalten Glasfenster knieten zwei Männer in den weißen Waffenröcken der Ritter von Ozem. Auf ihre Langschwerter gestützt, beteten sie zu Arodens Erbin Iomedae. Sie erhoben sich und bezogen im leergefegten Altarraum Stellung. Mit einer rituellen Begrüßung weihten sie das folgende Duell ihrer Göttin.

„Die Gästehäuser der Stadt haben in den vergangenen Wochen keine verdächtigen Personen aufgenommen.“, stellte Santorio fest und griff seinen Gefährten mit einem vertikalen Schnitt von der linken Hüfte zur rechten Wange an. Der Hieb hätte seinem Glaubensbruder diagonal den Bauch aufgeschlitzt, doch dieser war besonnen einen Schritt zurückgewichen. „Wir haben aber auch die Kultstätten böser Götter vergebens gesucht, mein Herr.“, antwortete Balduan kombiniert mit einem horizontalen Schnitt nach des anderen Kopf. Die Männer tauschten wenige Schwerthiebe aus, dass der Raum vom Gesang ihrer Klingen erfüllt war. Wieder kreuzten sie die Schwerter und wirbelten durch die Kapelle. „Heute sollten wir uns daran machen die Professoren und Studenten von Nekromantie und Totenbeschwörung an der Universität zu befragen.“, schlug Santorio schließlich vor. Der Schildknappe warf ihn mit einem beherzten Stoß in die Mitte des Altarraums, triumphierend zielte er mit der Schwertspitze auf das ungeschützte Gesicht seines kauernden Gegners. „Ein guter Vorschlag, mein Herr. Doch dieser Kampf scheint für Euch verloren!“

„Die Dinge sind nicht immer so wie sie erscheinen mögen, Balduan.“, belehrte Santorio seinen Untergebenen. Der Blick des Ritters fiel auf das eigene Schwert hinunter das bedrohlich auf des Schildknappen Herzen zeigte. Mit einem Lächeln zog sich der blonde Jüngling zurück. „Ich danke Euch für diese Lehrstunde, mein Herr.“
„Und ich für die exzellente Übung.“

*     *     *     *     *

Die Universität zu Lepidstadt war ein beeindruckendes Bauwerk im Süden der Stadt. Studenten, Professoren und andere Gelehrte waren auf dem ganzen Gelände verteilt. Sie frönten hitzigen Debatten, Diskussionen und Streitgesprächen. Nur die Spitzhüte und kristallbesetzten Stecken von Zauberkundigen suchten wir vergebens. Hier hatte man sich den „Weltlichen Wissenschaften“ verschrieben. Wir begannen in der Fakultät für Anatomie und Medizin, wurden aber bald an die Fakultät für Altertumskunde verwiesen: „Dort beschäftigt man sich mit so esoterischen Dingen wie dem Spindelstein, Hexenfelsen und den arkanen Traditionen von Thassilon, Koloran und Geb.“

Em Ende eines langen Tages hatten wir herausgefunden, dass es tatsächlich die Alchemisten waren, die arkane Magie mit den weltlicheren Naturwissenschaften zu einer eigenständigen, mächtigen Disziplin verquickten. Mit Ölen sollte es manchen von ihnen sogar möglich sein die Toten zurückzuholen. An dieser Stelle wäre es sicher von Vorteil gewesen Stralicia zur Hand gehabt zu haben. Von den Akademikern an der Universität wollte jedenfalls niemand etwas über flüsternde Kultisten des Untodes gehört haben. „Und wenn, bedürfen solche Subjekte ohnehin der Unterstützung freischaffender Alchemisten, als Zulieferer ihrer finsteren Zunft. Die strenge Buchführung dieser Anstalt wäre eine zu große Hürde für solch‘ schändliche Machenschaften.“

Die Glaubensbrüder beschlossen morgen alle Laboratorien und Werkstätten, jede Apotheke und Giftküche in ganz Lepidstadts aufzusuchen und nicht eher Ruhe zu geben ehe sie dem Wispernden Pfad wieder auf die Spur gekommen waren.

*     *     *     *     *

Wie ich am Tag zuvor, entdeckte Bock mein Reisetagebuch nicht sogleich. Die Erben Lorrimors hatten die Bücher mit der Truhe an Doktor Kroll und Richterin Daramid übergeben, die Chronik ihrer eigenen Taten daraufhin sorglos in den Taubendreck gelegt. Der Tiefling blätterte in meinen Aufzeichnung und polierte dabei gedankenversunken die Silberbroschen der Helden von Ravengro. Immer wieder hielt er inne und hob die silbernen Raben in das helle Mondlicht der sternenklaren Nacht. Als er mit ihrem Glanz zufrieden war, ließ er die prächtig glitzernden Vögel mit seiner zittrigen Stimme krächzen und bewunderte ihren Flug durch die staubige Luft der Dachkammer in seiner eigenen schmutzigen Hand. „Die Silbernen Raben“, murmelte er schließlich, legte die Abzeichen an ihren neuen Platz auf die Fußpfette zurück, nur um sich nun ganz dem Studium meines Reisetagebuches zu widmen.

Doch was hatte er da getan? Der kleine Bursche hatte den Helden von Ravengro soeben einen Namen gegeben!

Bock fand meinen zweiten Eintrag. Wieder las er laut mit, als sein schwarzer Finger über meine Worte fuhr. Und wieder trug mich seine Stimme in die Vergangenheit…

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29. Rova, 4711 AK

4 Gedanken zu “29. Rova, 4711 AK

  1. Mhyr schreibt:

    Ich würde mich freuen. Wäre vielleicht auch gar nicht schlecht Santorios Vorgesetzten in Vigil Bericht zu erstatten. Nur nicht dein alchemistisches Geheimprojekt vergessen.

  2. Genau so was in der Art hätte mich mir vorgestellt. Würde aber auch gerne Iacobus persönliche Ansichten schildern, was besser als Tagebucheintrag geht. Mal schaun.

  3. Mhyr schreibt:

    Vielleicht auch der Brief an seine Herzensdame im fernen Finismur…
    So oder so, freue ich mich was von den anderen Tintenteufeln zu lesen!

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