16. Arodus, 4711 AK

Ravengro, Pfalzgrafschaft Kanterwall

Ich erwachte in völliger Dunkelheit. Es musste weit nach Mitternacht sein. Irgendwie stolperte ich schlaftrunken aus der Dachkammer und stieg die enge, verwinkelte Treppe in den Schankraum hinab. Das Kaminfeuer war zu einem glimmenden Haufen Kohle herabgebrannt und die Stühle auf den Tischen verstaut. Der Wirt und sein Junge waren bereits zu Bett gegangen. Ganz allein wankte ich also hinter den Tresen, um mich selbst zu bedienen.

Eines der hohen schlanken Gläser, in denen Elkarid seine Flüssigen Geister ausschenkte, wartete unberührt darauf gefüllt zu werden. Mittlerweile hatten sich meine Augen vollkommen an die Dunkelheit gewöhnt. Der Reihe nach ging ich die Etikettes an den Fässern durch. Als ich gefunden hatte, wonach mich dürstete, griff ich nach dem Glas. Meine Finger bekamen jedoch nichts zu fassen.

Wieder und wieder versuchte ich das Glas zu erwischen, doch mein Blick verschwamm und meine Hände fuhren einfach durch die wabernde Form des Glases hindurch. Offenbar hatte ich ohnehin schon genug gehabt. Ich stieg wieder die Treppe in die Dachkammer hinauf.

Als ich an dem alten Silberspiegel vorüberging machte ich eine erschreckende Entdeckung:

Avanil Sternentänzer trug noch immer die rote Samtweste mit den goldenen Drachenlöwen über dem weißen Hemd, den dunklen Umhang und die waldgrünen Kniestiefel. An seiner Hüfte baumelte auch noch immer das schlanke Rapier. Nur sein platinfarbenes Haar war der Lederschnur teilweise entkommen. Mit nachtblauen Augen musterte er sein Spiegelbild. Entsetzen und maßlose Verzweiflung waren im Gesicht des Halbelfen zu erkennen, denn durch seine ganze Gestalt fiel silberner Mondschein auf den Spiegel. Die Farben an ihm selbst waren verblasst und die Umrisse schemenhaft. Eine Geistererscheinung.

Was war geschehen? Mit einem kurzen, elfischen Vers zauberte ich Licht in dieses Dunkel. Da zuckte ich schon zusammen, entdeckte ich doch meinen leblosen Körper am Schreibpult. Über den Aufzeichnungen in meinem Reisetagebuch eingesunken. Aus meinem geöffneten Munde hatte sich – mittlerweile eingetrockneter – Schaum über den Tisch ergossen. Neben meiner weißen Hand der umgestoßene, schwarz angelaufene Pokal, aus dem ich meinen Wein zu trinken pflegte. Der Wein geronnen, wie Blut auf einem Pergamentbogen. Vergiftet? Hatte man mich tatsächlich vergiftet und damit zum Gespenst verdammt, zur ruhelosen Seele zwischen den Welten?

Aber wer? Und weshalb? Wem hatte ich so Unrecht getan?

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16. Arodus, 4711 AK

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