30. Rova, 4711 AK

Lepidstadt, Pfalzgrafschaft Vieland

Die Alchemisten von Lepidstadt gingen ihrem Handwerk im Südosten der Stadt nach. Dämpfe in den giftigsten Farben krochen aus geschwärzten Schornsteinen und quollen aus den verdreckten Fenstern ihrer Arbeitsstätten und Geschäfte, sie krochen durch die Seitengassen der Südlichen Hafenstraße wie der grünliche Nebel durch den weiten Dippelweihersumpf.

Unter grauen Umhängen verborgen, trugen die Glaubensmänner Iacobus und Balduan noch immer den weißen Waffenrock der Ritter von Ozem. Sie bewegten sich so entschlossen durch die verpestete Luft wie Kreuzfahrer auf heiliger Mission durch Feindesland marschieren. Der Ritter übernahm die Befragung der Alchemisten und ihrer Gesellen, der Schildknappe deckte den Rücken des Ermittlers. Sollte der Wispernde Pfad die Operation in Ravengro aus einer Zelle in Lepidstadt geplant haben, lauerte in den farbigen Nebelschwaden der Tod oder schlimmeres. Bei diesen Gedanken fragte ich mich selbst wieder, warum sie den Geist Lyvar Falkrans entführt hatten? Was bezweckten diese Wahnsinnigen mit der Seele des Gefängnisdirektors? Gehörten die Dunklen Reiter in jener Nacht dem Wispernden Pfad an? Fühlten sie sich von mir ertappt, bedroht? Waren sie meine Mörder? Fesselten die von ihnen freigesetzten nekromantischen Energien meine Seele an diese Welt?

*     *     *     *     *

Gegen Mittag hatte ich auf meine Fragen keine Antwort gefunden, Iacobus und Balduan waren aber sämtliche Apotheken und Läden abgegangen, in denen alchemistische Gegenstände veräussert wurden. Nach einer einfachen Mahlzeit mit reichlich Knoblauchsoße am Stand eines Fischhändlers – Pavels Imbiss – machten sie sich daran die Produktionsstätten aufzusuchen. Ohne Zeugen oder andere Hinweise gefunden zu haben, blieb am frühen Abend nur noch eine Adresse offen: Vorkstags & Greins Alchemistische Werkstatt.

Vor dem verschlossenen Tor der kleinen Manufaktur trafen wir auf fünf bekannte Gesichter: Runa Corvijn, Tira Krähenfuß, Stralicia Mancini, Bestimotor von Simmelwitz und Pami. Die eigenen Ermittlungen hatten die Erben Lorrimors zu Vorkstag & Grein geführt und so waren die Silbernen Raben wieder vereint.

Kurze Zeit nachdem sie den Gnom Grein persönlich an das Tor gelockt hatten, war es ihnen bereits wieder vor der Nase zugeschlagen worden. Während der treue Schildknappe Balduan zur Stadtwache unterwegs war, machten sich die weniger gesetzesfürchtigen Raben daran sich selbst Zugang zu der Alchemistenwerkstatt zu verschaffen.

Im Vorhof des Gebäudes entbrannte ein erbitterter Kampf mit einem grässlichen Wesen aus künstlich gefügten Sehnen und Muskeln unter einem löchrigen Flickenwerk aus rissiger Haut. Das unheilige Fleisch war auf ein Knochenskelett gespannt das entfernt an einen Hund oder Wolf erinnerte. Nach heftigem Schlagabtausch zertrennte Pami letztendlich mit roher Gewalt die Nähte und magischen Ströme die das unheilige Geschöpf zusammengehalten hatten.

Die Raben brachen die Türen zu den Werkräumen auf und stießen mit weiteren befremdlichen Wesen zusammen. Es handelte sich um die humanoiden Handlanger der Alchemisten, doch keine Menschen, Elfen oder Zwerge, aber auch keine Orks oder Goblins. Sie besaßen die Merkmale verschiedenster Völker zugleich! In ihnen vereinten sich unzählige Eigenheiten haarige Affenarme mit geschuppten Echsenbeinen, listige Schlangenaugen mit gekrümmten Vogelschnäbeln, und viele andere unpassendere Paarungen. Sie brüllten und bellten, krakelten und krächzten, als die Raben auf sie losgingen.

Es gelang den seltsamen Arbeitern jedoch den Ansturm der Abenteurer abzuwehren. Sie verbarrikadierten sich in der Werkhalle, bis ihre gellenden Todesschreie aus dem Gebäude drangen.

Die Raben wagten sich hinein. Ich blieb in den Schatten des Vorhofs verborgen.

In meiner Furcht versunken, hatte ich die Zeit völlig vergessen. Ich Tor! Was hatte ich überhaupt noch zu fürchten? Erst als eine Tür über den Stallungen aufgeschoben wurde kam ich wieder zu mir. Aus der Dunkelheit stürzte die Gestalt eines Kindes. Bock? Nein, wir waren nicht in der Herberge. Grein, ich vermutete dass es sich um den Gnom gehandelt haben musste.

Schnell schwebte ich über die reglose Gestalt, da folgte dem kleinen Mann bereits Balduan mit gezogenem Schwert. Der Schildknappe landete heftig auf dem Alchemisten und hatte Pharasma ihre Seelenbegleiter noch nicht ausgesandt, so waren sie nun sicher auf dem Weg. Die Dunkelheit vermochte es nicht meinen Blick zu täuschen, so nahm ich ein seltsames Flackern in den Gesichtszügen des Toten wahr.

Die Illusionsmagie verblasste und die graue Haut von „Grein“ zerfloss in eine Pfütze aus Schatten. Nur noch seine schwarzen Gebeine lagen auf dem Dreck des Innenhofes. Das waren nicht die Überreste eines Gnoms! Sie mochten der Ersten Welt entsprungen sein, an der Bleiche leiden, aber nie zuvor habe ich gehört, dass sich Gnome nach dem Tode einfach so aufgelöst haben. Es musste sich bei „Grein“ höchstenfalls um eine artverwandte Kreatur gehandelt haben!

Derro, die verhassten Gnome der Finsterlande – nicht zu verwechseln mit den Svirfneblin – waren meine erste Idee. Im bläulichen Schein giftiger Pilze hausten sie tief unter den Ansiedlungen von Menschen, Elfen und Zwergen. In der Dunkelheit der Nacht wagten sie sich aus ihren Löchern empor und stahlen die friedlicheren Bewohner der Oberfläche, nur um sie grausamen Experimenten zu unterziehen. Manche der Unglücklichen durften in das Licht der Sonne zurückkehren, doch sie waren nicht mehr dieselben. Gebrochen und verdreht, war ihr Geist verloren.

Ich erinnerte mich an einen ganz bestimmten Bericht von einem Kampf gegen die gnomenhaften Monster. Zanovia Tabu, eine varisische Abenteurerin, hatte unter dem Friedhof von Korvosa gegen die Derro gekämpft. Sie selbst hatte ihre wahnsinnigen Widersacher nicht erkannt, ihre Beschreibungen ließen aber keinen Zweifel zu.

Die Aufzeichnungen der Korvosianerin waren mit den anderen Errungenschaften meiner Karriere gut unter den Sachen der Wahrsagerin versteckt. Sogleich machte ich mich auf den Weg zum Lager der Verwachsenen, um sie zu studieren.

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