1. Lamashan, 4711 AK

Lepidstadt, Pfalzgrafschaft Vieland

Die Nacht hatte ich mit unsinnigen Nachforschungen verschwendet. Als der Morgen anbrach, war ich mir wenigstens sicher, dass „Grein“ kein Derro gewesen ist. Im zarten Licht des jungen Tages begab ich mich dann zum Gerichtsgebäude – wie wohl die meisten Leute in Lepidstadt.

Obwohl es noch so früh war, hatte ich Schwierigkeiten unbemerkt in das eindrucksvolle Gebäude zu gelangen. Auf dem Hauptplatz, in dessen Zentrum bedrohlich der Funkenmann auf den Urteilsspruch des Bestienprozesses wartete, hatte sich eine murrende Menschenmasse eingefunden. Im Gerichtssaal selbst sicherte die Priesterschaft Pharasmas mit der Macht ihrer Göttin den unabhängigen Ablauf der Verhandlung. Für einen untoten Geist war es demnach nicht einfach dem letzten Prozesstag beizuwohnen.

Bei meinen gescheiterten Eindringungsversuchen konnte ich allerdings die Wachen und anderen Besucher der Gerichtsverhandlung belauschen und erfuhr was noch alles in der vergangenen Nacht geschehen war:
Die Hälfte der Silbernen Raben hatte offensichtlich im Kerker übernachtet, „nachdem sie die ehrenwehrten Alchemisten Vorkstag und Grein überfallen hatten“. Zwei der „entwischten Unruhestifter“ – der Beschreibung nach Runa Corvijn und Antonius Iacobus Santorio – hatten währenddessen das Gerichtsgebäude vor dem wütenden Pöbel verteidigt und damit die Bestie von Lepidstadt vor der Lynchjustiz bewahrt.

Die Gerichtsverhandlung war bereits in vollem Gange, da hatte ich es endlich geschafft in der hohen Kuppel über der Richtbank, ironischerweise zwischen Heiligenbildnissen, einen Platz zu ergattern den die göttliche Magie Pharasmas nicht für Meinesgleichen gebannt hatte.

So wurde ich an diesem Tag doch noch Zeuge wie die Raben Stück für Stück, mit schlichter Beweisführung und Schlussfolgerung, die wahren Täter der Verbrechen derer die Bestie beschuldigt wurde enthüllten und damit mein Verständnis von Heldentum unwiderruflich umstießen.

Seitdem wir Lepidstadt erreicht hatten, glaubte ich unverrückbar an die Schuld des grauenerregenden Hünen, der an allen Straßenecken und Stadtplätzen, in allen Schankräumen und Gassen als blutrünstiger Räuber und Mörder verflucht wurde. Die Erben Lorrimors hatten dem Scheusal einen Namen gegeben, durch „Watzkos“unmenschliche Fratze hindurchgeblickt und unvoreingenommen ermittelt. Auf der Suche nach Heldentaten hatte ich mich nur an die beiden Glaubensbrüder gehängt und auf eine reisserische Begegnung mit den Dunklen Reitern gehofft.

Die Besite von Lepidstadt – Watzko – wurde freigesprochen. Der Pöbel war entsetzt, doch ich war den Silbernen Raben für die heutige Lektion wahrhaft dankbar.

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1. Lamashan, 4711 AK

4 Gedanken zu “1. Lamashan, 4711 AK

  1. Anonymous schreibt:

    ja, genauso war es, aber dass watzko unschuldig war oder ist, war dir lieber schreiberling nicht klar?!

  2. Mhyr schreibt:

    Ich fühle mich zwar nicht direkt angesprochen, antworte aber dennoch:

    Avanil Sternentänzer ist ein NSC. Er ist kein höheres Wesen, kein Gott, kein Halbgott, nicht mal ein Externarer. Der Chronist ist also kein lupenreiner Deus ex machina, sondern ja: fehlbar. Aber wir werden sehen…

  3. Mich würde ja wirklich interessieren, was dieser seltsame Grein dann für ein Wesen war, wenn er kein Derro war. Und was unseren Schreiberling dazu gebracht hat, seine Meinung zu ändern…

  4. Mhyr schreibt:

    Das eine kannst du im Reisetagebuch nachlesen, das andere könntet ihr natürlich – wie Avanil auch – versuchen zu recherchieren.

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