5. Lamashan, 4711 AK

Lepidstadt, Pfalzgrafschaft Vieland

Bestimotor hatte den Tag mit Nachforschungen verbracht. Ich hatte die anderen Raben zu Samsaras Töchter, einer exquisiten Schneiderei im Süden der Stadt begleitet. Danach hatten sie sich getrennt. Balduan und Iacobus waren in den verfallenen Schrein zurückgekehrt. Tira war im Lager der Verwachsenen mit Kendra Lorrimor, der varisianischen Turmdeuterin und der Alten Ulloka, einer örtlichen Hexe, verabredet gewesen. Ich folgte Stralicia zurück in die Herberger Zum Leeren Katapult.

Rechtzeitig zum Abendessen kamen auch Besmo und Pami dort an. Die bleiche Begleiterin des Gnoms saß den ganzen Abend wie immer still an seiner Seite. Unter den grauen Fetzen ihrer Reiserobe erkannten die ahnungslosen Gäste des Katapults ihre externare Herkunft nicht. Was vermutlich auch besser so war. Der Bestienprozess war Aufregung genug! Besmo und Stralicia hingegen scherzten und tranken mit den anderen Gästen. Sie kamen sogar mit der wortkargen Wirtin ins Gespräch. Bock war verschwunden. Die alte Jungfer schwitzte in ihrem engen Ledermieder wie ein Spanferkel über der Flamme. Unentwegt schimpfte sie über die Unzuverlässigkeit des Jungen und jammerte ob ihrer misslichen Lage.

Stralicia legte eine Schürze um und sprang für den Burschen ein. Sie verdiente sich ein schlechtes Abendessen und eine Flasche sauren Wein. Bestimotor spielte unterdessen Karten – Das Spiel der Türme. Der Gnom hatte auf dem Tisch platz genommen, damit er seinen Gegnern auch in die Augen sehen konnte; doch auch er hatte an diesem Abend nicht viel gewonnen. Nachdem Stralicia die Tische abgewischt und die Stühle hochgestellt hatte um den Boden zu säubern, löste sich auch diese kleine hartnäckige Runde auf. Als sie mit ihrer Arbeit fertig war, stiegen die drei Raben enge ächzende Treppe hinauf.

*     *     *     *     *

Die Dachkammer war in schwarze Schatten gehüllt. Ich konnte jedoch die zierliche Gestalt von Bock inmitten der Nachtlager erkennen, als wäre es hellichter Tag. Er war nur mehr ein dunkler Schemen dessen Augen feurig glühten. Pami hatte den Jungen ebenso bemerkt, während Besmo und Stralicia sich noch über den „miesen Abendfraß“ ausließen. Bock stürzte sich zornig auf die Abenteurer, da bemerkte ich den toten Körper des Jungen. Er lag neben den silbernen Abzeichen der Raben.

Pamis übernatürlichen Krallen und Hörner brauchten nicht lang um den körperlosen Todesalb zu zerreißen. Der Untote brüllte noch wütend und verzweifelt im Kampf um seine unberechtigte Existenz, da erfüllte ein ohrenbetäubendes Summen die Dachkammer. Mir war als hätten wir uns in ein Hornissennest verirrt und der gesamte Staat war plötzlich erwacht uns willkommen zu heißen. Es war kein angenehmes Gefühl. Obwohl mir die Stacheln weltlicher Hornissen nichts mehr anhaben konnten, befürchtete ich das Schlimmste.

Und meine Furcht war begründet. Aus dem Dachstuhl stieg ein weiterer Todesalb herab. Er besaß die Gestalt eines weiten, schattenhaften Mantels mit Kapuze. In der Finsternis des Schemens starrten mich unzählige glühende Augenpaare bedrohlich an, bis ich still und leise aus der Dachkammer schwebte. Ich konnte den drei Raben nicht mehr helfen! Ich wollte kein Teil dieses unheilvollen Schwarms werden! Ich musste mein Schicksal erfüllen, wollte ich diesem traurigen Dasein als Geist entkommen!

Der Namensgeber meiner Silbernen Raben war tot. Pami hatte den Jungen von seinem Untod erlöst, doch würden die drei gegen den eigentlich Mörder, gegen diesen schrecklichen Todesalb bestehen können?

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