Am Lagerfeuer mit Tira Krähenfuß

6. Lamashan, 4711 AK
Dippelweihersumpf, Pfalzgrafschaft Vieland

Weißer Reif bedeckte den Dippelweihersumpf, der einen starken Gegensatz zum dunklen Wasser zwischen den Mooshügeln und verrottenden Bäumen bildete. Langsam breitete sich der riesige Schatten einer Gewitterwolke über der schwarzweiß gefleckten Landschaft aus. Plötzlich peitschten heftige Regenschauer auf die Marschen hernieder und grelle Blitze zuckten geräuschvoll aus dem verfinsterten Himmel herab, gefolgt von ohrenbetäubendem Donnerschlag.

Die Eiskristalle des Raureifs spritzten auseinander, saugten sich mit Regenwasser voll und verwandelten sich in eine graue, brodelnde Suppe. Hinter den Regenschleiern erhoben sich rund um die durchnässten Abenteurer unförmige, menschenähnliche Gestalten aus dem aufgewühlten Sumpf. Ihre Körper waren in dichte Flechten gehüllt, von denen noch der Schlamm und das eiskalte Wasser triefte, als sie sich unerwartet schnell auf die Reisenden zu bewegten.

Die enormen Angreifer trieben die verängstigten Reittiere der Silbernen Raben mühelos auseinander. Ihnen schien das unwirtliche Wetter nichts auszumachen. Im Gegenteil: Blitz und Donner steigerten ihre Kampfeslust! Hatten die Klingen der Glaubensbrüder oder die Klauen der Blassen Dame ihre Körper aus moderndem Moos und Schlingpflanzen verwundet, schloss die knisternde Energie des Unwetters diese Wunden wieder.

Dann war alles vorüber: der Sturm weitergezogen; die Raben zerstreut. Es herrschte eine gespenstige Ruhe, bis eine Nachtschwalbe am Wegesrand ihre Stimme erhob. Mit onyxschwarzen Augen sah der Vogel zu wie sich Bestimotor von Simmelwitz, Stralicia Mancini und Runa Crovijn schmatzend aus dem Schlamm zogen. Pami war von den überwucherten Hünen auf ihre Heimatebene gebannt worden; von Tira Krähenfuß und den beiden Glaubensbrüdern fehlte jede Spur.

Zum Gesang der Nachtschwalbe mischten sich nun die verzweifelten Laute von Zimtstern. Besmo hatte das treue Pony einst von Brienda erhalten. Die winzige Schankmaid hätte dem Gnom ihr Herz geschenkt, doch der Bücherwurm hatte sich für das Kleinpferd entschieden. Jetzt steckte das gutmütige Ding bis zur Brust im Treibsand unweit der Raben. Es befand sich im aussichtslosen Kampf gegen den Dippelweihersumpf.

Einer der modernden Schlurfer bewegte sich grobschlächtig auf die beiden Frauen zu. Stralicia zerrte noch an ihrem linken Bein, mit dem sie in einem morschen Baumstamm eingebrochen war, während Runa versuchte sich von ihrem leblosen Reittier Sturmwind zu befreien. Besmo hingegen kämpfte einzig und allein gegen den Sog des für ihn knietiefen Schlamms.

Da schlug ein letzter Blitz ein. Er traf den grünen Hünen nur wenige Fuß vor den Raben. Das Untier brüllte auf und beschleunigte zu einem wilden Ansturm. Gelbe Stromstöße zuckten dabei laut knisternd über seinen mächtigen Leib.

Es entbrannte ein wilder Kampf zwischen den Reisenden und dem Sumpfbewohner. Die Helden von Ravengro trugen jedoch den Sieg davon. Das Pony war in der Zwischenzeit von den Marschen beinahe verschluckt worden. Entschlossen zog der Gnom eine Elfenbeinschnitzerei hervor. Er beschwor ein geisterhaftes, zotteliges Geschöpf aus dem hohen Norden das Zimtstern mit seinem Rüssel aus dem Treibsand zog.

Besmo reinigte mit Stralicia noch das tapfere Kleinpferd, da vernahm ich das Schluchzen von Runa. Sie kniete über Sturmwind, dem eigenen Ross das totenstill auf der Straße lag.
„Komm.“, riss sie die Varisianerin aus ihrer Trauer. „Jetzt finden wir erst Mal die beiden Strahlemänner und Tira!“, versprach Stralicia.
Sie konnte ihr Versprechen nicht halten. Nach stundenlanger Suche zogen die drei Raben ab.

* * * * *

Die Abenteurer waren längst verschwunden, als ich meinen Blick noch über den Sumpf links und rechts der Straße schweifen ließ. Nebel kroch aus dem gurgelnden Wasser empor, während blubbernde Luftblasen entweichende Faulgase verrieten. Der schrille Schrei einer Krähe riss mich aus meiner Versunkenheit. Zwei der schwarzen Vögel kämpften mit einem Raben um etwas im Sumpfwasser. Eine Hand voll Federn schwebte noch durch die nebelverhangene Luft, als ich den dunklen Haarschopf von Tira zwischen gebrochenen, gelbbraunen Schilfhalmen entdeckte.

Nun erkannte ich auch in dem siegreichen Einzelkämpfer Corvus, den Vertrauten der Hexe. Er zerrte mit Klauen und Schnabel am Kragen seiner Meisterin und versuchte sie aus dem kalten Nass zu ziehen. Ich beschloss den Guten mit etwas Magie zu unterstützen.

Anschließend begann ich neben dem schlotternden Halbblut Feuerholz zu stapeln. Ihre blasse Haut war marmoriert, ihre Lippen blau angelaufen und ihr schwarzes Haar bereits angefroren. Es war nicht an mir sie sterben zu lassen. Viele Helden haben Unterstützung durch Götter und andere höhere Wesen erfahren. Warum sollte ich dann nicht Tira Krähenfuß vor den schwarz gefiederten Aasfressern retten? Die Hexe hatte einen so jämmerlichen Tod einfach nicht verdient. Auch wenn ich kein Erzengel, sondern nur ein ruheloser Toter war.

Ich stimmte ein altes Holzfällerlied aus dem Osten des Grungirwaldes, der Grenze zu Irrisen, an. Meine Geisterhand und Feuermagie hatten tatsächlich ein vernünftiges Lagerfeuer in Gang gebracht, da dauerte es nicht mehr lang und Tira regte sich wieder in seinem zittrigen Schein. Die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt, doch die Hexe war noch nicht wieder zu vollem Bewusstsein erwacht.

Jenseits des orangen Lichtscheins versammelten sich wieder die Aasfresser der Sümpfe. Ihre Augen glühten in der Finsternis, während Corvus aufgeregt um seine Meisterin herum sprang. Ich beschloss mich Tiras Verbundenheit mit den Sumpfbewohnern zu bedienen und sprach zu ihr mit krächzender Stimme. Sie schlug die Augen auf und antwortete!


Charakterblätter definieren Spielercharaktere überwiegend durch ihre regelmechanischen Eigenschaften und nicht jeder Spieler hat Lust seinen SC mit einer ausgeschmückten Hintergrundgeschichte zu versehen. Als Spielleiter halte ich den Hintergrund eines SC und seine Eigenschaften im Rollenspiel für ebenso wichtig. Daher verwenden wir in unserer Runde seit Jahren diesen Fragebogen.

Was der unbekannte Chronist über Tira Krähenfuß erfahren hat kann hier nachgelesen werden.

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Am Lagerfeuer mit Tira Krähenfuß

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