9. Lamashan, 4711 AK

Schloß Karomark, Pfalzgrafschaft Vieland

Es war kurz nach Mitternacht, als ein blasser Mann in weißem Hemd und schwarzer Weste in den Schein des Lagerfeuers trat, um das sich die Raben versammelt hatten. Die Abenteurer leckten noch immer ihre Wunden vom letzten Vorstoß in das Schloss, so hatten sie den Fremden erst bemerkt als er sie nur noch wenige Schritte entfernt förmlich grüßte und nach ihrem Begehr fragte.

Ich war so überrascht wie die Helden von Ravengro. Selbst Simmelwitz und Stralicia hatte es die Sprache verschlagen. Der Mann war ganz offensichtlich über die steinerne Brücke aus dem Schloss gekommen. Die Raben hatten das Herrenhaus, die Werkstatt und am vergangenen Tag das Museum durchsucht, doch offenbar hatten sie dabei nicht alle Geheimwege und Schlupfwinkel entdeckt! Vielleicht beherrschte er aber auch nur den Zauber Fliegen oder andere Reisemagie.

Im ersten Augenblick dachte ich Graf Karomark beehrt nun endlich seine Gäste, doch der Fremde stellte sich als Major Domus, der Haushofmeister von Schloss Karomark vor. Dabei verwendete er den alttaldanischen Titel wie seinen eigenen Namen. Oder war es Altosirisch? Sehr seltsam, jedenfalls. Sein nach hinten gekämmtes Haar schimmerte ölig im tanzenden Lichtschein der Flammen und auch seine Haut glänzte wie frisch gefettet.

Stralicia Mancini fand wieder zu Worten und log Major Domus mitten ins Gesicht! Der Graf habe sie und ihre Gefährten eingeladen und erwarte sie mit seinem „Sohn“. Major Domus schenkte ihr Glauben und bat die Abenteurer in das weitaus gastfreundlichere Herrenhaus hinein. Nur mit dem „Sohn“ des Grafen wusste er nichts anzufangen. Er behauptete Karomark sei kinderlos und wusste auch von keiner Schöpfung seines Herren, die für diese Bezeichnug in Frage kam.

Während die Raben tief und fest in den Himmelbetten schlummerten, beobachtete ich den eigentümlichen Haushofmeister, der den Besuchern scheinbar mehrere Tage aus dem Weg gegangen war. Er ließ sich erst sehr spät in einem Sessel mit Blick auf die nördlichen Flügel von Schloss Karomark nieder. Ob er überhaupt Schlaf fand, vermochte ich nicht zu sagen.

*      *      *      *      *

Am Morgen überquerten Bestimotor von Simmelwitz und Pami, Tira Krähenfuß mit ihrem Raben Corvus und Stralicia Mancini, gemeinsam mit Major Domus den schlüpfrigen Steg zur Werkstatt. Ein feiner Sprühregen durchnässte die Abenteurer und ihren Begleiter. Die beiden Glaubensbrüder waren mit der Priesterin Pharasmas im Torhaus zurückgeblieben. Ich war nicht traurig und folgte den anderen.

Wir passierten die marode Werkstatt in deren Boden noch immer das Loch klaffte durch das Runa Corvijn in den Tod gestürzt war. Die Raben bewegten sich mittlerweile ziemlich geübt durch das heruntergekommene Schloss, so gingen sie sehr langsam und sicherten die schaukelnde Seilbrücke zum Museumsflügel mit ihrem magischen Seil aus der Gefängnisruine.

Nördlich der Sammlung von Karomark führte ein schmaler Pfad in der Klippenwand zu einem viergliedrigen Turm der teilweise mit dem natürlichen Felsgestein verschmolz. Ein starker Wind pfiff den Abenteurern ins Gesicht, während sie sich mehr kletternd als gehend einer rostigen Eisentür am Fuße des Turmes näherten.

Pami kletterte um den ganzen Turm herum, doch fand keinen besseren Zugang für die weniger geschickten Damen. Es dauerte eine Ewigkeit bis sie die Tür mit Alchemie, roher Gewalt und Magie zerstört hatten. Dunkle Wassermassen sprudelten ihnen entgegen, die eine rostfarbene Schaumkrone trugen. Der Turm war überflutet worden! Die Position der Tür ließ darauf schliessen, dass es sich dabei weder um eine dauerhafte noch geplante Flutung handelte. Wieder war es die Furcht die mich zurückhielt. Doch was konnte dieses Gebäude für einen Geist schon gefährliches bereithalten?

Ich rang noch mit meinem Mut, da stürzten die ersten Raben schon wieder aus dem Turm. Sie hatten im schmutzigen Wasser einen riesigen Blutegelschwarm aufgescheucht, den sie nun mit Feuermagie bekämpften. Als Bestimotors herbeigezauberte Ratten noch genüsslich an den gerösteten Blutsaugern schmatzten, erkannte ich den ernst der Lage. Pami war auf ihre Heimatebene gebannt worden und die anderen Streiter hatten zu viel Blut verloren um die Erkundung des überfluteten Turmes fortsetzen zu können.

Von Schmerzen und entstellenden Wunden gepeinigt, kletterten die Abenteurer zurück in den Museumsflügel. Der Gnom passierte gerade den kostbaren Sarkophag der osirianischen Mumie, die sie bereits am Vortag vernichtet hatten, da rammte Major Domus dem Zauberkundigen Stralicias Dolch in den Rücken.

Ein kurzer, aber heftiger Kampf entbrannte. Bestimotor beschwor seine Leibwächterin, während der Haushofmeister die Raben beschuldigte nur gekommen zu sein um den Grafen zu töten und „das Werk der dunkel gerobten Gestalten zu vollenden!“

Major Domus schlug völlig irrsinnig auf den kleinen Gnom ein. Ich konnte allerdings nur über das nachdenken, was der Wahnsinnige gerade gesagt hatte! Der Wispernde Pfad, hier auf Schloss Karomark? Die drei Damen setzten dem Haushofmeister mächtig zu, doch es quoll kein Blut aus den Wunden des Mannes, sondern heisses Wachs! Bestimotor brüllte „Wachsgolem“, da wechselte Tira von ihren Verzauberungsversuchen zu einer mächtigen Feuerkugel und verbrannte den Haushofmeister einfach. Seine Kleider gingen in Flammen auf und sein Körper zerfloss zu einer Pfütze von hellem, fleischfarbenem Wachs.

Advertisements
9. Lamashan, 4711 AK

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s