10. Lamashan, 4711 AK

Schloß Karomark, Pfalzgrafschaft Vieland

Schneeregen fiel in dicken, nassen Flocken auf Schloß Karomark herab. Die Silbernen Raben brachen nach einem kurzen Frühstück im Speisesaal zu einer weiteren Suche nach ihrem Gastgeber Graf Karomark auf. Nur Balduan Tarrt hatte wieder Stellung im Torhaus bezogen. Der Schildknappe wartete noch immer auf den Mob aus Lepidstadt und die Rückkehr der Trolle aus dem Dippelweihersumpf. Wenn seine Gefährten schon die Wächter des Grafen Stück für Stück vernichteten, wollte der aufrichtige Bursche wenigstens seine Tore verteidigen.

Verhüllt von frostigen Regenschauern flog ich zwischen den einzelnen Gebäuden der Schloßanlage voraus, zu dem viergliedrigen Turm hinter dem Museumsflügel. Es war nicht leicht den Abenteurern unbemerkt in die engen Korridore des Bauwerks zu folgen, also wartete ich eine geraume Zeit bevor ich hineinschlüpfte.

Die Raben bekämpften in den überfluteten Kammern des Turmes einen riesigen schwarzen Blob. Mit jedem Hieb teilten sie das schleimige Monster und standen einem weiteren Gegner gegenüber, anstatt ihm den Gar auszumachen. Stralicias Bomben und Tiras Magie vollbrachten schließlich was schnöde Waffengewalt nicht vermocht hatte.

Nach dem Kampf teilten sich die Abenteurer auf. Pami suchte den oberen Teil des Gebäudes ab, während Stralicia, Tira und Iacobus weiter die gefluteten Korridore und Kammern im unteren Teil ergründeten. Die drei Menschen hatten nichts als Dreck und die Überreste bereits gefallener Gegner vom Vortag gefunden, da rief der Gnom nach ihnen. Pami hatte einen Raum entdeckt, in dem verschiedenste Pilze und Flechten gezüchtet wurden. Iacobus beseitigte noch mit Pfeil und Bogen die gefährlichen Exemplare, als die Blasse Dame bereits wieder etwas wahrnahm.

Nun hörte ich es auch: Krallen quietschten im angrenzenden Korridor über das Mauerwerk. Doch der Gang war leer. Eine Hand voll beherzter Tritte der Blassen Dame genügten, um drei eingemauerte Untote zu befreien. Gierig stürzten sie sich auf die Raben. Gizella Biharra rief die mystischen Kräfte ihrer Göttin Pharasma an und peinigte die Gruftschrecken – wie mich selbst – mit positiver Energie.
Ich floh durch die Dunkelheit der Aussenwände hinaus in das Unwetter über den Klippen.

Nicht viel später verließen die Abenteurer den viergliedrigen Turm durch einen anderen Ausgang. Sie überquerten den steinernen Bogen einer Brücke zum höchsten Turm der Schloßanlage und öffneten das Portal an seinem Fuße.

Es hatten noch nicht alle Raben den Turm betreten, da sprang eine weitere, abscheuliche Schöpfung des Grafen vor die Eindringlinge. Karomark hatte hier purpurfarbene Muskelstränge an das vierarmige Skelett eines Girallons gefügt und mit unnatürlichem Leben erfüllt. Bevor sich Pami auf die Bestie stürzen konnte, entkam der Kehle des exotischen Fleischgolems ein wildes, trockenes Brüllen, das die Abenteurer sichtlich erschaudern ließ. Der Turmwächter wurde seinerseits von zwei gut gezielten Pfeilen und einer Bombe von Iacobus und Stralicia empfangen, die ihre Fassung schneller als die anderen wiedererlangt hatten. Einen Augenblick später drang bereits Pami auf das Monster ein. Sie rammte ihre Hörner in das Fleisch des Golems und zerlegte ihn danach mit einem wahren Schlaghagel.

Der Weg nach oben war frei.

In einer staubigen Kammer spannten sich dort klebrige Spinnweben zwischen den geschwungenen Aussenwänden des kreisrunden Turmes. Das weißgelbe Gewebe versperrte nicht nur die Sicht der Raben, sondern hinderte sie auch daran weiter in das Gebäude vorzudringen. Mit Flammen bahnte sich Stralicia einen Weg bis zu der Wendeltreppe, die sich in ein weiteres Geschoss nach oben wand. Ihre Gefährten folgten der Alchemistin dort hinauf, bis Pami – wie ich – das Schlagen lederner Flügel vernahm.

Die Raben entdeckten einen Homunculus. Nicht noch so eine seelenlose Kreatur Karomarks! Entnervt wartete ich hinter den verbliebenen Spinnweben darauf, dass die Helden Ravengros kurzen Prozess mit dieser Miniatur von einem Teufel machen würden.
Ich wurde „enttäuscht“. Die Kreatur fuchtelte mit Händen und Füßen in der Luft herum, doch sprach dabei kein Wort. Gizella und Stralicia begannen sich mit dem winzigen Konstrukt zu „unterhalten“. Die Varisianerinnen verstanden schnell, dass der Homunculus sie vor einer weiteren schrecklichen Kreatur warnen wollte. Besmo schlussfolgerte sogar, dass es der Graf sein musste, der durch das Konstrukt zu den Raben „sprach“.

Ohne zu verstehen, vor was genau sie der Homunculus da gewarnt hatte, kehrten die Abenteurer auf die Steinbrücke vor dem Turm zurück. Von dem was ich auf die Entfernung und über dem rauschenden Wasserfall verstehen konnte, hatten sie den Plan geschmiedet von oben in das zweite Geschoss des Gebäudes vorzudringen. Der Schneeregen hatte nachgelassen und sich zu einem eisigen Nieselregen gewandelt. Mit Flugmagie wurde Pami nach oben geschickt. Die Blasse Dame befestigte aneinander geknotete Seile und zog die Abenteurer zu sich hinauf. Ich schwebte ausser Sichtweite in den bedeckten Himmel hinauf.

Eine komplexe gusseiserne Konstruktion thronte auf der Turmspitze, die von einem kupfernen Blitzableiter gekrönt wurde. Darunter standen seltsame Apparaturen, überladen mit Hebeln, Schläuchen und anderen Leitungen. Daneben waren dunkle Säfte mit unterschiedlichen Messständen in schmutzigen Glasbehältern zu erkennen. Stralicia untersuchte die Gerätschaften, während sich ihre Gefährten um die Dachluke versammelt hatten. Die Alchemisten betätigte einen der Hebel und das eine Gerät begann zu summen. Über der Eisenkonstruktion bildete sich eine schwarze Gewitterwolke.

Bestimotor riss die Dachluke auf. Was die Raben in der Kammer unter der Turmspitze sahen, hätte ich nicht erahnen können. Ein greller Blitz zuckte aus der finsteren Wolke über unseren Köpfen in den Blitzableiter und fand knisternd seinen Weg nach unten; dicht gefolgt von ohrenbetäubendem Donnerschlag. Ich musste wissen vor was der Homunculus – oder Graf Karomark – die Abenteurer gewarnt hatte und begab mich im Sturzflug nach unten.

Als körperloser drang ich mühelos durch die Mauern. Ich fand mich in einem verwüsteten Raum wieder. Dicke Spinnweben, wie in der Kammer darunter, spannten sich hier zwischen zerschlagener Laborausrüstung, einer befremdlichen Eisenfigur und einem übergroßen Glockenglas. In dem Glasbehälter trieb eine bleiche, regungslose Frau gespenstisch in der Schwerelose einer trüben Substanz.

An der Decke saß ein riesiges, muskelbepacktes Ding mit mächtigen Krabbenscherenhänden und langen haarigen Spinnenbeinen. In seinem unförmigen Leib vereinten sich zahlreiche Kreaturen von Schalentieren, Reptilien und Humanoide zu einer widerwärtigen Abnormität. Aus seinem schleimigen Maul standen verkümmerte Beisswerkzeuge, darunter klebten weißgelbe Spinnweben auf seiner breiten Brust. Mit einer Tintenfischtentakel peitschte es brüllend nach den Raben auf der Turmspitze.

Wieder und wieder vernahm ich den geräuschvollem Einschlag von Blitzen. Aus dieser Position konnte ich den Kampf mit dem Monster nicht gut einsehen. Ich schwebte bereits wieder noch oben, als plötzlich Watzko – die Bestie von Lepidstadt – mit dem rollenden Donner in das verwüstete Laboratorium sprang. Wütend zog er sich die Leiter zu der Dachluke empor und packte die Abnormität an einem seiner borstigen Spinnenbeine. In wildem Schlagabtausch wurden die fallenden Fleischgolems von den weißgelben Netzen aufgefangen. Das klebrige Gewebe konnte das enorme Gewicht der beiden jedoch nicht halten, so landeten die Gegner unsanft auf dem ächzenden Holzboden.

Die Abnormität setzte Watzko schwer zu. Iacobus feuerte zu seiner Unterstützung Pfeil um Pfeil in den Rücken des Monsters. Corvus, der Rabe von Tira, flatterte nach unten und übertrug die heilende Magie der Hexe auf die Bestie. Was trieben die anderen Raben da oben?

Ich flog zurück auf die Turmspitze und erkannte, dass Stralicia immer noch einen der Apparate bediente. Gizella heilte die schwer verwundeten Abenteurer. Pamis Existenz auf dieser Ebene musste von der Abnormität beendet worden sein und Besmo versuchte am Rand der Dachluke mit seinen verbliebenen Zaubern etwas auszurichten. Stralicia war hoch konzentriert. Die Varisianerin fluchte laut auf; dann erschien ein triumphierendes Lächeln auf ihrem Gesicht. Was tat die Alchemisten da eigentlich? Als ich einen Blick in das Turmzimmer wagte, verstand ich: sie steuerte über die Hebel und Druckknöpfe der Apparatur Watzko! Der Fleischgolem hatte mit Stralicias Hilfe die Überhand gewonnen und prügelte die Abnormität gerade zu einem riesigen Haufen teigigen Fleischs und gebrochener Knochen.

Die Silbernen Raben hatten das Monster besiegt!

Sie kletterten zu Watzko und Corvus hinab. Hastig wurde der Raum durchsucht und da fanden die Raben in der grässlichen Eisenfigur letztendlich den Schloßherren: Graf Karomark. Der ehemalige Herrscher Vielands war nach Tagen der marternden Gefangenschaft in dem Folterinstrument ein ausgetrockneter alter Mann, der sich sogleich nach seinen verbliebenen Leibeskräften bei den Abenteurern bedankte.

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10. Lamashan, 4711 AK

8 Gedanken zu “10. Lamashan, 4711 AK

  1. Interessanter Bericht – zumal meiner Gruppe am Samstag genau das bevorsteht, sie sind beim letzten Mal nach Schloss Karmorak gereist. Leider ist das Railroading zum „Endkampf“ mMn der bisher schwächste und unlogischste Teil der Kadaverkrone. Ich habe da ziemlich Arbeit reingesteckt, um das abzuändern.

  2. Wenn die Gizella wüsste, dass sie unserem Schreiberling auch immer weh tut, wenn sie Untote und Geister bekämpft… Ich habe das starke Gefühl, wir sollten uns mehr mit unserem stillen Begleiter beschäftigen!

  3. @Joni: Also ich war auch vom Finale etwas enttäuscht.
    Hinter dem Schirm war der Kampf unnötig kompliziert und unübersichtlich auf verschiedene Bereiche aufgeteilt. Zudem musste ich als SL zwei NSC gegeneinander kämpfen lassen, was in dieser Situation wirklich seltsam war.
    Vor dem Schirm muss es wohl etwas deprimierend gewesen sein, selbst kaum etwas ausrichten zu können. Es ging vielmehr darum nicht von den Blitzen und dem Prometheus erschlagen zu werden, als heldenhaft den Tag zu retten!

    Hoffe du verrätst wie es bei dir gelaufen ist!

    @Sina: Natürlich hast du Recht, aber als Priesterin der Pharasma hat sie vermutlich nicht viel für Untote übrig… :(

  4. So, besser zu spät als nie: Also ich habe den Endkampf zwischen Prometheus (zur späteren Verwendung, wenn die Gruppe hochstufig genug ist) und auch die Bestie ganz aus dem Endkampf rausgenommen. Stattdessen habe ich als Endkampf-Gegner zwei der fetten Wächter-Girallon-Golems auf meine Gruppe gehetzt, was ein sehr knapper und äußerst spannender Kampf wurde!

  5. Mhyr schreibt:

    Ja, das Finale ist einfach nicht wirklich optimal gelöst. Vielen Dank für’s teilen, Joni!

    PS: Die Girallon-Fleischgolems hauen aber auch rein!!

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