13. Lamashan, 4711 AK

Lepidstadt, Pfalzgrafschaft Vieland

Ein eisiger Wind wehte um die Türme von Schloß Karomark. Obwohl ich die Kälte selbst nicht spürte, so konnte ich sie in den dampfenden Wassermassen sehen, die unter mir lautstark in die Tiefe stützten. Graf Karomark hatte die Silbernen Raben kurz nach dem Frühstück erneut zu sich in den Speisesaal gerufen. Ich beobachtete die kleine Gesellschaft, in jenem kalten Wind fliegend, durch ein großzügiges Butzenfenster.

Der entmachtete Edelmann hatte vor sich eine Reihe von Gegenständen auf dem Tisch ausgebreitet. Er schien die Raben nacheinander anzusprechen und ihnen dabei jeweils eines der unbekannten Objekte zu überreichen. Die Beschaffenheit der Fenster ließ mich nur mit verzerrter Ahnung zurück, was er den Helden da anvertraut hatte.

* * * * *

Wir erreichten Lepidstadt kurz nach Einbruch der Dunkelheit. Balduan brachte gemeinsam mit Tira und Bestimotor die Pferde zu den Stallungen am Osttor. Ich folgte Iacobus, Stralicia und Gizella in die Taverne Zum Bronzeschädel. Die Silbernen Raben hatten ihre Ermittlungen nicht eingestellt. Sie wollten noch immer mehr über das Bildnis des Meeresgrauen Schreckens herausfinden, das durch Watzkos Hand aus der Universität zu Lepidstadt entwendet worden war, und natürlich über die Kultisten des Wispernden Pfades, die Ravengro fast in eine Geisterstadt verwandelt hatten, nur um anschließend Schloß Karomark zu verwüsten und zur Todesfalle zu machen.

Die Trinkhalle war ausgesprochen gut besucht. Es waren ganz offensichtlich überwiegend Studenten und Absolventen der Universität, die hier auf ihre siegreichen Duellgänge anstießen. Nicht wenige wurden durch die berüchtigte Lepidstadtnarbe verraten, andere durch die schlanken Klingen an ihren Hüften.

Man erkannte die Abenteurer. Manche legten bereits die Hand an den Schwertgriff als die drei Platz genommen hatten, manche beobachteten die Retter der Bestie mit Freuden und manche gaben vor sie gar nicht erst zu beachten. Die Besitzerin der Trinkhalle, Kaysian Cazynsik, brachte ihren berühmten Gästen eine Runde auf das Haus. Dann wuchs die Anspannung wieder. Die jungen Duellanten wollten ihr Waffengeschick im Kampf mit den Raben beweisen.

Plötzlich wurde jedoch die Seitentür zu einem der Stege aufgestoßen. Ein Mann stürzte, von blauen Flammen umgeben, in den Schankraum. Er brach nach nur wenigen Schritten auf dem klebrigen Holzboden der Taverne zusammen. Angst und Entsetzen machten sich unter den Gästen des Schädels breit. Der Schankwirt, ein kräftiger Mann mit grauem Bart und einem Bauch wie ein Bierfaß, trat hinter dem Tresen hervor. Bewaffnet mit einem schweren Knüppel stellte er sich schützend vor Cazynsik.

„Der Springende Hans“, wurde geraunt. Tatsächlich, die blauen Flammen deuteten auf nichts anderes hin! Ich glitt durch die Aussenwand und es bot sich mir ein bekanntes Bild: Im silbrigen Licht des Mondes sah ich den bösartigen Feengeist, wie einst in Ravengro. Sein Oberkörper glich dem eines jungen Mannes mit drahtigen Muskeln, während sein Unterleib die haarigen Beine und gespalteten Hufe einer Ziege aufwies. Haut und Fell des Monsters schimmerten purpurfarben auf, wie in einer Mischung von Blut und Tinte getränkt. Über seinen rot leuchtenden Augen saßen lange, spitze Hörner.

Draussen auf dem Steg entbrannte ein hitziger Kampf zwischen den Raben und dem Feengeist. Iacobus und Stralicia beschossen ihn trotz heftiger Gegenwehr unerbittlich und trieben ihn so über das Dach auf die andere Seite des Gebäudes. Ich flog in sicherer Entfernung hinter ihm her. Immer wieder sprang er durch die Türen in den Schankraum. Er tötete einen weiteren Mann und fügte zwei anderen Gästen garstige Wunden mit seinem gewellten Dolch zu, bis ihn eine Bombe der Alchemistin endlich aus der Luft zurück auf den Boden schleuderte.

Sie hatte dem Springenden Hans, der seit Jahrzehnten die Pfalzen heimgesucht hatte, den Gar ausgemacht! Die Raben wurden gefeiert. Ich freute mich irgendwie für „meine“ Helden. Ein Gefühl das ich schon sehr lang nicht mehr verspürt hatte. Doch konnte ich es nicht mit dem eines Lebenden vergleichen. Was ich fühlte war weit erhabener. Ungewöhnlich befreiend. Ein Zustand der sich noch in der selben Nacht steigern sollte.

Zwei aussergewöhnliche Damen führten eine kleine Gruppe Variser in die Taverne. Die eine war hoch gewachsen, hatte weißgraues Haar und trug eine schimmernde Ritterrüstung. Es konnte sich nur um die legendäre Mirella Teufelsbann, Paladin der Iomedae und glorreiche Heldin des Krieges der Gefallenen handeln. Die andere ihr Gegenstück: eine kleine, zierliche Elfin und finstere Schönheit. Sie trug die kostbaren Gewänder und eine der kunstvollen Masken Sinarias. Bei ihrem ersten Wort schon, erkannte ich die gefeierte Schattenherz darin.

Als wolle mich die Elfin in meiner Annahme bestärken, begann sie im silbrigen Mondlicht, das durch die Fenster des großzügigen Erkers fiel, ihre Darbietung.

Ihr Name ist Seristial.

Im Schädel herrschte gespenstische Stille, als sich die rauchige Stimme von Nymia Schattenherz über das ächzende Holz der Landungsstege, den stetigen Strom des Flusslaufs und den säuselnden Wind erhob.

Vier Wächter sind’s, die sie dort binden
Im Dunkel ist ihr Heim zu finden
Im Dunkel, wo sie rastlos darben
Versklavt, nicht frei, im Schloss der Narben

Mit wohl gezielten Silben und abgepassten Betonungen erschuf die Diva um ihre gefesselte Zuhörerschaft ein verlassenes Gebäude aus leeren Spitzbögen, verwüsteten Hallen und bröckelndem Mauerwerk.

Ein Geist, gebor’n in blut’gem Osten
Steht unbeirrt auf altem Posten
Die Klinge aus der Höllen Sturm
Wacht ungeseh’n in kaltem Turm

Und Todeshauch in grimmer Zwinge
Harrt unstet dort des Laufs der Dinge
Der Heil’ge ruht im Haus der Schmerzen
Wird Seele, Leben, Geist ausmerzen

Entkettet sie, dass kampfesmürbe
Am Ende auch ihr Meister stürbe
Der Fluch, er bricht und löst die Seelen
Der Hüter wird den nächsten wählen

Bevor die letzte Strophe der berüchtigten Ballade aus dem Westen durch das unsichtbare Schloß hallte, wurden Ihre Worte schwer von Trauer und ergriffen die Herzen ihres Publikums noch fester.

Im Ort, wo Schatten blüh’n und Totes geht
Wo Tränen glüh’n und Schrecken weht
Liegt wach, bereit und nicht mehr brach
Seristial, Kazavons Schmach

Nicht einer hatte seine Sprache bereits wiedergefunden, noch war die Darbietung ganz verklungen, da schoss in einer schäumenden Fontäne von Flusswasser eine unförmige Kreatur aus dem Kleinen Moutray. Sie zog sich durch eine quadratische Öffnung im Boden bis zum Tresen empor, dabei zog ihre schleimige, wabernde Masse lange Fäden zwischen Stühlen und Tischen. Mühevoll richtete sich die purpurfarbene Kreatur auf und zeigte ihre vage Form: ein drahtiger Riese, dessen Oberkörper aus dunklen, zähen Strängen bestand, während sich sein Unterleib zu tropfenden Schleimströmen verflüssigte. Seine milchigen Augen glühten weiß vor Zorn auf die Lebenden.

Stralicia Mancini zögerte keinen Augenblick und zersprengte das untote Ding mit einer ihrer Bomben zu stinkendem Glibberregen. Der schleimige Schauer war noch nicht vollständig auf den schmutzigen Dielenboden der Trinkhalle geprasselt, da erfüllte bereits das schallende Gelächter des Schankwirts den Raum. Die Variser schlugen ihre Schellen und zupften die Fideln. Nun wurden „die Helden des Abends“ ausgiebig gefeiert. Niemand zweifelte mehr am Können oder der Gesinnung meiner Raben.


Die Ballade von Nymia Schattenherz ist eine inoffizielle Übersetzung von Zellara’s Song aus dem amerikanischen Pathfinder #11 Curse of the Crimson Throne: Skeletons of Scarwall. Unser Dank für die schöne Arbeit geht an Exeter aus dem Paizo-Forum: Zellara’s Song in German!

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