Krieg der Gefallenen, Teil 8

14. Erastus, 4697 AK

„Im Frühjahr 4674 prophezeite ein Orakel dem Hohepriester Janderhoffs in Varisia eine Zeit des Grauens, die von den Chronisten später wie getauft werden sollte?“

Nur eine Hand hob sich über die gesenkten Köpfe der Klasse. Sie gehörte zum goldenen Haarschopf eines jungen Kadetten. Sein Schwertarm hing in einer weißen Schlinge, sein gesunder Arm streckte sich jedoch weiter und weiter zur Meldung. Die schwarzen, buschigen Augenbrauen von Meister Rabenfels entspannten sich und er nickte dem Jungen zu.

„Eine Zeit die von den Chronisten später Krieg der Gefallenen genannt werden sollte.“

„Richtig, Caldavin.“ Der Zwerg zog ein Zepter aus Silber hervor. Es war von einem üppigen Smaragd gekrönt. Meister Rabenfels brachte den Edelstein mit einer Zauberformel zum Glühen und am anderen Ende des Saals begann wie von Geisterhand geführt ein Stück Kreide die riesige Schiefertafel zu beschreiben.

Caldavin Tarrts Banknachbarin, ein Mädchen mit dunklem Haar und ebensolchen Augen, stieß ihm mehr als unsanft den Ellenbogen in die Rippen. Ihre Mitschüler lachten. Die Variserin warf dem Jungen nur ein übertrieben breites Grinsen zu und als Meister Rabenfels fortfuhr blickte sie zur Tafel als ob nichts gewesen wäre.

4675 entsandte der Wächterfürst die erste Verstärkung nach Westen. Paladin Mirella Teufelsbann, die ihr alle kennt und verehrt, war unter den Kreuzrittern und sollte als gefeierte Kriegsheldin zurückkehren.
Es folgten Jahre des Chaos, des Unfriedens und der Zerstörung.“

Der Zwerg ließ einen mächtigen Folianten mit verschiedensten Lesezeichen zu sich schweben und schlug ihn auf. „Nicht alle Heldentaten eurer Ahnen und meines Volkes sind niedergeschrieben worden, einige davon finden sich jedoch in diesem guten Stück hier. Ihr solltet es bei Gelegenheit studieren, denn die Beschreibungen der Schlüsselsituationen des Krieges enthalten sicher die eine oder andere Weisheit. Wie die Schlacht von Schädelfeld im Jahre 4679, die Belagerung von Bolurs Helm 4681 oder die von Silberburg im Jahre… ?“
Meister Rabenfels blickte finster in den großen Lehrsaal der Kriegsakademie von Vigil hinauf. Er hatte seine Stirn so stark in Falten gelegt, dass seine buschigen Augenbrauen zu einer gewaltigen einzigen verschmolzen waren.

Wieder erhob sich nur eine Hand über die gesenkten Köpfe der Kadetten. Und wieder war es die Meldung des blonden Jünglings. Der Zwerg wartete noch eine Weile, dann entspannte sich sein Blick und er nickte Caldavin zu.

„Die Belagerung von Silberburg wurde im Jahre 4682 von einem beherzten Befreiungsschlag der bedrängten Zwerge und Kreuzritter beendet und gilt als einer von zwei Wendepunkten des Krieges der Gefallenen.“

„Wie immer völlig richtig, Caldavin. Das Jahr 4682 war in der Tat ereignisreich! Wir denken an die Schlacht von Grünmoor mit seinen taktischen Raffinessen und die Schlacht von Nazruks Kessel, dem zweiten Wendepunkt des Krieges der Gefallenen. Die Grünhäute hatten die Allianz in falscher Sicherheit gewiegt. Zum einen waren die Orks gar nicht so schwach wie Zwerg und Mensch vermutet hatten, zum anderen hatten ihre Hexendoktoren die Toten der vergangenen Kriegsjahre beider Seiten zu unheiligem Leben erweckt. So stand der Hauptstreitmacht völlig unerwartet eine Horde Orks gegenüber, während ihr eine Legion untoter Schrecken im Nacken saß. Ich zitiere: Es sollte eine Zeit ungeahnter Schrecken folgen. Die Toten der Irrsinnsberge hatten sich aus ihren Gräbern erhoben und machten nun Jagd auf die Lebenden.“

Raska Breughen, die Banknachbarin von Caldavin, hatte dem Klassenbesten einen wohl platzierten Schlag auf den Oberarm verpasst und ihm während den Ausführungen von Meister Rabenfels ein übertrieben breites Grinsen zugeworfen. Als der Zwerg fortfuhr blickte sie wieder zur Tafel als ob nichts gewesen wäre.

„Ovur Goldhammer, Kriegspriester und Anführer der alliierten Streitkräfte, war längst gefallen, Mirella Teufelsbann von den wenigen lebenden Grünhäuten in Ketten gelegt worden und die übrigen Lebenden im Würgegriff der untoten Schrecken. Nur ein Zwerg; ein gewöhnlicher, namenloser Fußsoldat schlüpfte durch ihre Reihen. Er trug die heilige Axt Lundrym bei sich und gelangte mit ihr bis zum eigentlichen Feldherren der finsteren Krieger. Ein Nekromant hatte die Orkstämme der Umgebung geeint und ihren Hexendoktoren schwarze Magie für die Dienste der wilden Grünhäute versprochen.

Die Geschichte hatte sich also tatsächlich wiederholt! Sicher mit viel geringerer Tragweite, aber wie konnte es dennoch so weit kommen? Waren wir zivilisierten Völker zu unaufmerksam, zu bequem geworden dem Bösen zu begegnen? Es ist jedenfalls die Pflicht der Ritter von Ozem Nekromanten, die dem Wispernden Tyrannen nacheifern oder gar versuchen den berüchtigten Hexerkönig zu befreien, zu vernichten und einfallende Orks von Belkzens Boden zu bekämpfen, was immer es auch koste! Vergesst das niemals!

In diesem Fall war das wahre Ausmaß der Tragödie viel zu spät erkannt worden. Urgathoas Wege führen durch dunkle Täler. Wie ein unentdecktes Geschwür tief im Fleisch des Kranken wuchert, so hatte weder Zwerg noch Mensch die Gefahr gespürt, die von den Orks der Irrsinnsberge ausgegangen war.

Als der namenlose Soldat auf den Totenbeschwörer zuging erkannte er die Verwirrung des schwarzen Arkanisten. Der Mann sprach zu Geistern und hörte Stimmen im kalten Bergwind. Die Todesmagie des Nekromanten hatte den Zwerg noch nicht erreicht, da trennte Lundrym bereits den verwirrten Kopf von seinem verwelkten Körper. Er war von seiner eigenen Macht berauscht gewesen und hatte die heilige Axt nicht kommen gesehen.

Wir sollten aus unseren Fehlern lernen und unsere Nachkommen davor bewahren uns diese gleich zu tun. Aber um Fehler zu vermeiden, muss man sie zunächst auch als solche erkennen. Wachsamkeit und Wissen sind demnach wichtige Schlüssel im Kampf gegen die Mächte der Finsternis.“

Meister Rabenstein schloss mit einer Ankündigung: „Nach diesen geschichtlichen Betrachtungen widmen wir uns nächsten Sterntag wieder der Bannmagie.“ Ein Wehklagen ging durch die Klasse. Nur Caldavin strahlte. Der Kadett hatte während seiner zahlreichen Verletzungen tatsächlich Gefallen am Studium der arkanen Künste gefunden.

„Kein Grund zu murren, die Damen und Herren! Es ist die Magie unserer größten Bannwirker die Tar-Baphon gefangen hält und die Weltenwunde vor dem endgültigen Aufklaffen bewahrt! Und so sind nach den Siegeln von Galgenkopf, die Schutzsteine von Mendev das Thema der kommenden Stunden.“


Die Reihe begann mit Teil 1 und Teil 8 ist vorerst der letzte dieser Reihe. Die Folgen des Krieges sind aber auch weiterhin in unserer Kampagne spürbar und damit in verschiedenen anderen Beiträgen nachzulesen. So ist Mirella Teufelsbann ein wichtiger NSC geworden und auch ihr Sohn Barin – der Sensenmann – hatte einen kurzen, viel zu kurzen Auftritt vor der Schlacht um Tamrivena.

Bildnachweis: http://paizo.com/paizo/blog
Illustrator: Jason Engle

Advertisements
Krieg der Gefallenen, Teil 8

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s