Kendras Visionen, Teil 1

Kendra Lorrimor erwachte noch vor dem Morgengrauen in Desnas heiliger Halle. Erst am gestrigen Tag hatte sie die Mondtreppe erreicht und sich noch lang in die Nacht hinein mit Caldavin Tarrt unterhalten. Nun stieg sie, ob ihrer seltsamen Träume wie benommen, die uralten Stufen des Tempels empor.

Zu ihrer Linken waberte die Finsternis des Schauderholzes am Rand der Lichtung durch den weißen Nebel der über den Waldboden kroch und in den verwobenen Baumkronen hing.

Auf der Turmspitze angelangt traf sie auf Jal, den varisischen Hohepriester des frisch geweihten Tempels. Wortlos standen sie eine geraume Zeit da und beobachteten das unwirkliche Lichtspiel der Morgendämmerung. Obwohl sie Jal nicht kannte hatte sie in seiner Gegenwart das verloren gedachte Gefühl von Geborgenheit. Dennoch etwas zögerlich berichtete sie dem Desnapriester schließlich von ihrem Traum:


Erzählerin: Visionen aus der Vergangenheit suchen uns in unseren Träumen heim. Die Figuren dieser Erzählung sind:

  • Ich, die Erzählerin.
  • als erstes ist da Auren Vruud, ein junger Mann, ganz in schwarz gekleidet
  • als nächstes haben wir Kvalca Sain, eine kräftig gebaute Frau, in Leder gekleidet. Ihre Körperhaltung ist angriffslustig, ihre Bewegungen sind jedoch anmutig. Sie ist glatzköpfig. Zwei Dolche sitzen in ihrem Gürtel.
  • dann ist da Cybrissa, eine elfische Druidin, gekleidet in einer Rüstung aus Brombeerdornen. Ein Falke sitzt auf ihrer Schulter.
  • als nächstes ist da Mathus Mordrinacht, ein stämmiger Waldläufer, mit breiter Brust und silbernem Bart, zwei große Bastardschwerter auf dem Rücken.
  • Zu guter letzt ist da die Schankmaid, eine ernste junge Frau

Erzählerin: Wir befinden uns am Rande des mächtigen Schauderholzes, an der Feuerstelle der Gaststätte Zum Letzten Freundlichen Gesicht. Die Schänke bietet einen beeindruckenden Blick auf den dunklen, brütenden Wald. Im Inneren prasselt ein großes Feuer und die Tische sind voll besetzt: gleichermaßen von Einheimischen, wie von Reisenden.

Auren Vruud sitzt alleine an einem Tisch, ein Glas Wein und ein Teller Rindereintopf vor sich. 

Auren Vruud: Mädchen! Bring mir noch mehr von dem Eintopf. Ich habe heute große Erfolge zu feiern! Und sei schnell, meinem Wunsch zu entsprechen, sonst werde ich wütend.

Schankmaid: Ich wäre Euch dankbar, nicht auf diese Weise mit mir zu sprechen, mein Herr. Wie ich Euch bereits mitgeteilt habe: dieses Haus hat Regeln und Ihr tätet gut daran diese zu befolgen. Sofern Ihr bleiben wollt.

Auren Vruud: Du wirst mein Gold nehmen und tun was ich dir sage, Mädchen! Ich zahle das Doppelte was diese Schafe hier löhnen.
<Er macht eine weit ausholende Geste mit seinem Arm in Richtung des restlichen Schankraums>

ErzählerinDie Schankmaid setzt zu einer Antwort an, aber just in diesem Augenblick wird die Tür aufgestoßen und die Gestalten von KS, C und M treten ein. Die drei werfen lange Schatten über die Gäste und Tische des Gasthauses. Die lebhaften Unterhaltungen ersterben und eine ganze Reihe von Gästen schnappt sich ihre Umhänge, nur um zur Hintertür hinaus zu eilen. Die Schankmaid macht einige Schritte in Richtung des Trios und spricht KS zögerlich an.

Schankmaid: Meine Dame. Welchem Umstand verdanken wir die Ehre Eures Besuchs? Wir…wir haben Euch nicht erwartet. Verzeiht, wir hätten etwas Besonderes vorbereitet.

ErzählerinKvalca Sain schreitet langsam in die Mitte des Schankraums und blickt auf die Schankmaid hinab, welche einen guten Fuß kleiner ist. Sie zeigt mit dem Finger auf Auren Vruud, der alleine sitzt.

Kvalca Sain: Wir sind seinetwegen hier. Sagt den Schwächlingen sie sollen verschwinden, wenn ihnen ihr Leben lieb ist.

Schankmaid: <zu den restlichen Gästen> Ihr habt sie gehört. Raus mit euch! Wir begleichen den Rest morgen.

ErzählerinVoll Panik und Hast eilen die Gäste nach draußen, während sich das Trio Auren Vruud nähert. Dieser isst weiter seinen Eintopf, tunkt sein Brot ein und zollt den drei bedrohlichen Gestalten scheinbar keine Aufmerksamkeit. Die drei starren ihn weiterhin unnachgiebig an. Nach einer Weile gibt Auren Vruud auf und schaut von seinem Mahl auf.

Auren Vruud: Ja? Kann ich Euch behilflich sein? Ich versuche hier mein Mahl zu genießen, falls es Euch nicht aufgefallen sein sollte.

Kvalca Sain: Du bist die Kreatur, die als Vruud bekannt ist. Du hast meine Ländereien mit deinen abscheulichen Taten geschwärzt.

Auren Vruud: <Tunkt sein Brot in den Eintopf und kaut vor sich hin> Oh… habe ich das? Welche abscheulichen Taten mögen das wohl gewesen sein? Ich bin nur ein einfacher Wandermagier. <Er lächelt>

Mathus Mordrinacht: Du wirst die Königin des Schauderholzes mit „Meine Dame“ adressieren, du Hundesohn.

Auren Vruud: <Zu Mathus> Ah, ich verstehe. Ich darf annehmen dasselbe gilt für dich.

Kvalca Sain: Alle in diesen Ländereien kennen mich als ihre Königin.

Auren Vruud: <Immer noch zu Mathus> Selbst der mächtige Waldläufer Mathus Mordrinacht muss sein Haupt senken? Wie erniedrigend das für Euch sein muss. Insbesondere für solch eine stolze… Familie wie die Eure.

Mathus Mordrinacht: <Knirscht mit den Zähnen und murmelt vor sich hin>

Kvalca Sain: Schweig, du Hundesohn! Du bist nicht hier um mit deinen böswilligen Worten Zwietracht unter meinen loyalen Freunden zu säen. Du bist hier um für den begangenen Grabraub, für das Töten von Vieh, Dörflern und den Geschöpfen des Waldes zu bezahlen; für die Inkarnation finsterer Taten, die den Lebenszyklus durchbrechen, für die Beschwörung der Toten, der Verunreinigung des Silberherzbaches mit Blut, und für den Ungehorsam meinen Befehlen Folge zu leisten und mein Land zu verlassen.

Auren Vruud: Ach, diese finsteren Taten. Verzeiht, die hatte ich vergessen. Ihr vergaßt jedoch das Verbrennen des Scharlachaar Hains zu erwähnen. Eines meiner Meisterwerke! Wenn ich das anmerken darf. So viele Leichen, auf so kleinem Raum. <Er bricht in hohles, schallendes Gelächter aus>

Cybrissa: <Ringt nach Luft> Mein Vater! Er war eines der Opfer im Scharlachaar Hain. Die Zeit für Gerede ist vorüber, du Monster!

Auren Vruud: <Kneift die Augen zusammen> Macht, was ihr wollt, ihr Narren.

ErzählerinVruud wirft den Tisch um als die drei ihre Waffen zücken. Kvalca und Mathus stürzen auf Vruud zu, doch seine schwarze Robe bauscht sich um ihn auf und hebt ihn mit einem irren Gelächter unter die Decke des Schankraums. Vruud wirft einige kleine Bälle zu Boden, die sich beim Aufschlag in ausgewachsene, geifernde Ghule verwandeln, die Kvalca, Mathus und Cybrissa umringen. Ein erbitterter Kampf bricht aus, in dem Schwerter aufblitzen und die Ghule knurren, fauchen und beißen. Zwischen den Dachbalken heraus feuert Vruud mit knisternden, schwarzen Strahlen aus negativer Energie. Einer von diesen verfehlt Cybrissa nur knapp, sie kann nur in letztem Augenblick ausweichen. Mathus wehrt die Klauen eines Ghuls mit einem gewaltigen Schrei ab, und Kvalca stößt einem einzelnen der hungrigen Schrecken ihre Dolche in den Rücken.

Auren Vruud: Ihr könnt mich nicht aufhalten! Ich besitze die Macht der Toten.

Kvalca Sain: Du machst uns keine Angst, Nekromant. Dein unreines Blut wird fließen noch bevor der Tag zur Neige geht.

ErzählerinKvalca springt auf den Tisch und stößt sich mit katzengleicher Anmut in die Richtung von Vruud von der Wand ab. Er versucht in der Luft auszuweichen, aber ihr Knochendolch schneidet quer über seinen Oberschenkel, bevor sie wieder sanft auf dem Boden landet.

Auren Vruud: Ein Kratzer. Ich habe in das Antlitz des Todes geblickt – nicht nur ein Mal, sondern tausende Male. Wenn das das Beste ist, was ihr zu bieten habt, dann macht euch bereit für ein Leben als Lakai der Toten!

Cybrissa: Du sinkst Richtung Boden, du Narr.

Kvalca Sain: Der vertreibende Zahn macht einen weiteren Zauber ausfindig, in den er sich verbeißen kann.

ErzählerinUnd tatsächlich, Vruuds Flugmagie scheint verschwunden und er gleitet langsam in Richtung Boden. Unter ihm schaut ihm das Trio grinsend zu. Vruuds bisheriges arrogantes Lächeln scheint verschwunden zu sein und er wedelt wild mit den Armen in der Luft und versucht an Höhe zu gewinnen; aber ohne Erfolg. Er sinkt weiter.

Mathus Mordrinacht: Der erste Hieb gehört mir. Ich werde ihm seinen stinkenden Kopf abreißen.

Cybrissa: Ich fordere den zweiten Hieb, für meinen Vater und die Waldpriester.

Kvalca Sain: Und ich verlange sein Herz. Es wird unter einem Weidenbaum verbrannt und seine teuflischen Kräfte werden in alle Winde zerstreut.

Auren Vruud: Genug davon, sage ich euch. Urgathoa ist noch nicht bereit für meine Seele; mein Werk ist noch nicht vollendet. Verdammt, ich hatte geplant diese Schriftrolle zu kopieren… seht ihr, was ihr mich kostet? Doch ihr werdet mich wiedersehen, lasst euch das gesagt sein. Mathus, es ist eine Schande, dass ihr Befehle von diesen Schwächlingen entgegen nehmt.

Erzählerin: Vruud greift in seine Robe und öffnet eine Schriftrolle. Die Runen glühen blau vor ihm auf und er ist verschwunden. Der Wind peitscht um Kvalca herum, als Luft in die entstandene Leere über ihr fließt.

Kvalca Sain: Er ist wieder entkommen.

Mathus Mordrinacht: Wir hätten es erwarten sollen. Cybrissa, warum hast du keinen Gegenzauber gesprochen?

Cybrissa: Ich hätte den dafür richtigen Zauber bereit haben müssen. Es kann kompliziert sein.

Kvalca Sain: Es macht nichts. Wir werden ihn wieder einfangen. Wir sind die Fährtenleser, er ist die Beute. Und bald wird er keinen Zufluchtsort mehr haben.

Mathus Mordrinacht: Aber wir hätten ihn dieses Mal vernichten sollen. Er hat an Macht und Mitteln gewonnen, auf die wir nicht vorbereitet waren.

Kvalca Sain: Er ist nach wie vor ein schwachblütiger Milchtrinker.

Mathus Mordrinacht: Das meinte ich damit nicht. Diese Beute frustriert mich mehr und mehr. Ich habe Arbeit im Wald zu verrichten und diese Angelegenheit hätte vor Tagen erledigt sein sollen. Ein Gegenzauber hätte es am heutigen Tag beendet.

Cybrissa: Du gibst mir die Schuld, ist es das? Ich werde Beleidigungen deinerseits nicht dulden, Mordrinacht.

Kvalca Sain: Ruhe! Wir dürfen uns nicht zerstreiten. Das ist genau das, was er will.

Mathus Mordrinacht: Glaubst du ich könnte mich von Vruud manipulieren lassen? Hast du so wenig Vertrauen zu mir? <Er spukt zu Boden> Ich werde nicht bleiben, um solche Beleidigungen hinzunehmen.

Kvalca Sain: Ich bin eure Königin!

Cybrissa: Dies ist ein von Dir gewählter Titel. Er wurde dir nicht verliehen. <Sie schaut zu Mathus>

Mathus Mordrinacht: Ja, und vielleicht ist es einer, den wir noch einmal überdenken sollten. <Er kratzt seinen Bart> Ich gehe jetzt und folge meinem eigenen Weg.

Cybrissa: Und ich kehre in den Wald zurück, um meinen Vater zu beerdigen.

Kvalca Sain: Geht nicht. Kommt zurück, das Schauderholz verlangt es! Ihr werdet es bereuen, ihr beiden. Ihr werdet es bereuen!

ErzählerinDoch Mathus und Cybrissa sind bereits durch unterschiedliche Türen verschwunden. Kvalca Sain steht einsam und verlassen im leeren Gasthaus.


Die Artikelserie Kendras Visionen stellt die inoffizielle Erweiterung Cutscenes for Carrion Crown von Evil Paul aus dem Paizo-Forum in deutscher Sprache zur Verfügung. Das englische Original von Kendras erster Vision trägt den Titel Script 5: Vrood vs The Shudderwood. Vielen Dank, Paul!

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