Kendras Visionen, Teil 2

Kendra Lorrimor erwachte noch vor dem Morgengrauen in Desnas heiliger Halle. Sie war schweissgebadet. Hohepriester Jal war über sie gebeugt und säuberte ihre glühende Stirn mit einem feuchten Tuch, seine eigen hatte er besorgt in Falten gelegt. Nachdem sich Kendra aufgerichtet hatte fragte der Glaubensmann: „Desnas Segen oder Lamashtus Fluch?“

„Von beidem, Jal; von beidem.“, antwortete die Seherin bevor sie ihren Traum ausführlicher schilderte.


Erzählerin: Weiter und weiter gehen wir zurück, denn um die Gegenwart zu verstehen, müssen wir die Vergangenheit verstehen. Die Figuren dieser Erzählung sind:

  • Ich, die Erzählerin. Es bin immer ich; es gibt keine anderen.
  • zunächst haben wir da Graf Aericnein Neska, einen aristokratischen Feldherrn mit eiserner Disziplin und ebensolcher Unbarmherzigkeit in seinen Winterjahren, aber noch immer auf dem Gipfel seiner Gesundheit. Sein Gesicht ist dem seines Geiers nicht unähnlich.
  • als nächstes haben wir Markgraf Silas Graudon, einen jungen und ehrgeizigen Befehlshaber, ebenso ein Adelsspross. Er wird von vielen als Neskas Schützling angesehen.
  • dann ist da Frau Talgdocht die Kerzenzieherin, aufs äusserste angespannt aber entschlossen. Sie ist die erwählte Sprecherin des Dorfes Feldgrau.
  • dann haben wir da Herrn Vruud den Totengräber, einen dürren und verbitterten Witwer.
  • zu guter letzt haben wir da Auren, seinen achtjährigen Sohn.

Erzählerin: Es ist die Stunde vor der Morgendämmerung und in den letzten Augenblicken der Dunkelheit betritt Frau Talgdocht die Kerzenzieherin das Gasthaus von Feldgrau. Sie wird von zwei gepanzerten Soldaten in die Mitte genommen und an das Ende des Schankraums „eskortiert“, wo sich Graf Neska und Markgraf Graudon über eine Landkarte der Region gebeugt unterhalten. Der Geier von Graf Neska ruht auf einer hohen Sitzstange neben den beiden. Frau Talgdocht wird langsamer als sie den Edelmännern näher kommt und blickt sich nervös um.

Graf Neska: <Sieht von der Karte auf.> Gut! Spuckt es schon aus, Ihr kleines, lotteriges Weib. Ich muss einen Krieg gewinnen und habe nicht den ganzen Tag Zeit.

Markgraf Graudon: Mein Herr, das ist die Sprecherin von der ich Euch berichtet habe. Sie behauptet das Dorf zu vertreten und wünscht Euch bezüglich der Anliegen von Feldgraus Bewohnern zu sprechen.

Graf Neska: Welches Dorf?

Markgraf Graudon: Dieses hier, mein Herr. Das in welchem wir lagern.

Graf Neska: Oh. Nun gut. Nur zu.

Frau Talgdocht: <Räuspert sich.> Wenn ich so frei sein darf und Euch erlauchte Edelmänner mit den Bedenken der Dörfler und Bürger dieser bescheidenen Siedlung zu belästigen…

Graf Neska: <Zieht eine Taschenuhr aus seiner Weste.> Ihr habt exakt fünf Sekunden oder ich lasse Euch dafür hinrichten einem Höhergestellt die Zeit geraubt zu haben. Haltet mich nicht für einen Narren. Ihr seid als Bittstellerin gekommen. Was also wollt Ihr?

Frau Talgdocht: <Sieht angsterfüllt aus.> Meine Herren, die Dorfbewohner, wir haben… Beschwerden.

Graf Neska: <Stöhnt und steckt die Taschenuhr weg.> Ah… natürlich. Die Beschwerden. <Er tritt ans Fenster.> Und ich gehe davon aus draussen befindet sich der berüchtigte Ustalavmob mit Fackeln und Forken, der dazu neigt sich zu solchen Anlässen zu bilden. <Er schiebt die Vorhänge mit seinem goldenen Gehstock auf.> So vorhersehbar, so unglaublich vorhersehbar. Nun gut, kleine Frau, was wollt ihr Dörfler mir sagen.

Erzählerin: Ausserhalb der Taverne, in der Dunkelheit, hat sich in der Tat (mit Graf Neskas Worten) ein Mob von Dörflern gebildet. Um die Wahrheit zu sagen, stehen die meisten Einwohner von Feldgrau vor dem Gasthaus. Ein paar tragen leuchtende Fackeln, Mistgabeln und andere Waffen, aber die meisten stehen einfach nur dicht zusammengedrängt da und beobachten die Taverne und die Soldaten davor. Die Dörfler tuscheln leise untereinander, doch hüten sich davor die Soldaten anzusprechen. Der Junge Auren, einer Bewohner Feldgraus, zupft an der schwarzen Tunika seines Vaters.

Auren: Paaapaaa. Ich bin müde. Ich will nach Hause gehen.

Herr Vruud: <Schlägt Auren auf den Hinterkopf.>  Du tust nichts dergleichen, Junge. Wir sind hier um Gerichtigkeit zu erfahren. Die verdammten Blaublüter glauben sie können hier einmarschieren, uns einfaches Volk in den Dreck treten, unsere Felder verwüsten und sich unsere Frauen nehmen. Sieh‘ zu und lerne, Junge. Du wirst heute sehen wie aufrichtige Leute sich durchsetzen.

Auren: Aber ich kann eben gar nichts sehen! Ich bin zu klein. Das ist ungerecht!

Herr Vruud: Es gibt auch nichts zu sehen. Noch nicht. Frau Talgdocht ist hineingegangen um mit dem Graf zu sprechen. Sie wird bald wieder herauskommen. Und jetzt sei still.

Auren: Aber Paaapaaa…

Herr Vruud: Ich sagte du sollst still sein, du kleiner Rotzlöffel. <Er schlägt Auren erneut, welcher daraufhin schweigt.>

Erzählerin: In der Taverne schließt Frau Talgdocht gerade die Aufzählung der einzelnen Beschwerden der Dorfbewohner über Graf Neska und seine Truppen ab. Die Tatsache, dass ihr Gehör geschenkt wird, scheint ihre Entschlossenheit aufblühen zu lassen.

Frau Talgdocht: … und all das geschah an diesem einen Tag den Ihr hier seid, mein Herr. Um es abzuschließen, es gibt Gerüchte darüber, dass Ihr all unsere Getreidevorräte mitnehmen wollt, wenn Ihr heute Nacht weiterzieht. Was völlig ausser Frage steht.

Graf Neska: Es ist mein Prinzip nichts auf Gerüchte zu geben, Frau Talgdocht. Ich halte mich an Fakten und zwar nur an Fakten.

Frau Talgdocht: Ich dank Euch, mein Herr. Die Dorfbewohner werden zufrieden sein. Was sagt Ihr zu unseren anderen Bedenken?

Graf Neska: Ja, zu diesen. Lasst uns mit den Vergewaltigungen beginnen. Nenne einen Dunkelelf einen Dunkelelf, sage ich immer und Vergewaltigung ist Vergewaltigung. Graudon, Ihr werdet die Verantwortlichen finden und bestrafen.

Markgraf Graudon: Bereits geschehen, mein Herr. Ich habe von dem Zwischenfall vergangene Nacht erfahren. Es waren zwei Männer aus der  6. Kompanie. Ich habe sie auf Euren Befehl hinrichten lassen, um Zeit zu sparen.

Frau Talgdocht: H… hingerichtet? Ich danke Euch für Eure Gerechtigkeit, aber war ein Todesurteil nicht etwas zu hart?

Graf Neska: Ha! Es war nachsichtig, nicht hart. Die Bestrafung für Vergewaltigung besteht aus 200 Peitschenhieben gefolgt durch Enthauptung. Graudon jedoch paart seine Initiative und Effizienz immer wieder mit einem weichen Herzen.

Markgraf Graudon: Ich danke Euch, mein Herr.

Graf Neska: Das war kein Kompliment. Und nun, weiter mit Euren anderen Bedenken, Frau Talgdocht. Wegen den Feldern kann ich nichts weiter unternehmen. Soldaten brauchen einen Ort um zu pissen und ihr Zelt aufzuschlagen, meistens ist dies ein und derselbe. Eure Ernte wurde bereits eingefahren und ich bin nicht an diesem Unsinn von wegen Brachäckern interessiert. Ihr müsst mit den Konsequenzen selbst fertig werden. Ebenso ist Euer Wunsch nach Neutralität abgelehnt. Das ist ein einfacher Krieg. So einfach, dass selbst ihr ignoranten Bauern das verstehen könnt. Ihr seid entweder loyal oder Ihr rebelliert. Es gibt keine Neutralität. Ihr seid doch keine Rebellin oder Frau Talgdocht?

Frau Talgdocht: Bei den Göttern, nein!

Graf Neska: Dann habt Ihr nichts zu befürchten. Ganz nebenbei, Eure Beschwerden sind nicht weiter von Bedeutung. Wir ziehen noch heute weiter; in ein paar Stunden.

Frau Talgdocht: Das Dorf wird hoch erfreut sein das zu hören, mein Herr. <Sie verbeugt sich und bewegt sich richtung Ausgang.> Ihr wart mehr als gerecht. Und wir sind glücklich, dass Ihr uns das Getreide lasst.

Graf Neska: Wie kommt ihr dazu so etwas zu sagen? Selbstverständlich nehmen wir das Getreide. Das Gemüse, die Schafe, Schweine und Rinder ebenso. Meine Soldaten brauchen Nahrung und wir sind von der Versorgung abgeschnitten.

Frau Talgdocht: <Kommt wieder zum stehen.> Aber Ihr sagtet doch…

Graf Neska: Ich sagte gebt nichts auf Gerüchte, haltet Euch an Fakten. Fakt ist meine Männer brauchen Verpflegung und einen Rastplatz für unsere Sache. Im Großen und Ganzen ist euer „Feldgrau“ für niemanden von Bedeutung und wird es auch niemals sein.

Frau Talgdocht: Mir bedeutet es aber etwas! Uns bedeutet es etwas! Es wird einen harten Winter geben, mein Herr und wir werden ohne unsere Vorräte jämmerlich verhungern. <Sie räuspert sich und baut sich vor den Aristokraten auf.> Ich befürchte Eure Antwort nicht akzeptieren zu können, mein Herr.

Erzählerin: Neska seufzt und geht zum Tresen, wo sein gierig aussehender Geier auf einer Stange sitzt. Er öffnet einen Beutel und zieht eine Hand voll Fleischstücke heraus. Dann wirft er sie dem Aasfresser zu.

Graf Neska: Wisst Ihr warum mein Haustier ein Geier ist, Frau Talgdocht?

Frau Talgdocht: Entschuldiung, mein Herr?

Graf Neska: Glaubt nicht ich wüsste nicht was die Leute über mich sagen. Sie nennen mich „Monster“ und „Tyrann“. Sie sagen ich halte mir einen Geier aus Eitelkeit und Boshaftigkeit. Nichts davon ist wahr. Dieser Geier ist mein Haustier sondern mein Traum. Versteht bitte, ich füttere meinen Geier nur mit dem Fleisch von Rebellen. <Er hält inne und wirft dem Aasfresser noch mehr Fleischstücke zu.> Es ist wahrlich mein Traum eines Tages kein Fleisch mehr für ihn zu haben, dass dieser Beutel leer bleibt und der Geier mich verlässt. Das ist mein Traum, Frau Talgdocht; ein neues Ustalav, ein Land ohne Beute und ohne Räuber. Versteht Ihr was ich da sage?

Frau Talgdocht: Ich bin mir nicht sicher, mein Herr. Nichts desto trotz müssen wir unser Getreide behalten. Ich bestehe darauf.

Markgraf Graudon: Haltet ein, haltet ein! Ihr macht es doch nur schlimmer. Mein Herr, Ihr müsst das nicht tun.

Graf Neska: Seht Ihr einen anderen Weg, Graudon? Sagt mir Frau Talgdocht, wenn meine Soldaten sich einfach etwas nehmen, werdet Ihr ihnen vergeben?

Frau Talgdocht: Die meisten von uns werden verhungern. Aber die die am Leben bleiben, werden Euch sicher nicht vergeben.

Graf Neska: Seht Ihr, Graudon? Sie lässt uns keine Wahl.

Erzählerin: Herr Vruud und die anderen Dorfbewohner warten noch immer tuschelnd vor dem Gasthaus, als über das Gebäude die ersten Sonnenstrahlen kriechen und auf die schlammige Straße fallen. Ein Hahn kräht und bringt sowohl die Bewohner von Feldgrau wie ihre Besatzer zum Schweigen. Geräuschvoll wird die ächzende Tür zum Schankraum geöffnet. Markgraf Silas Graudon tritt heraus.

Markgraf Graudon: Der Graf hat gesprochen. Treibt die Dörfler zusammen und tötet sie alle. Lasst keinen am Leben. Wir brechen in zwei Stunden auf.

Erzählerin: Bei der nächsten Morgendämmerung ist kein Laut im Dorf zu vernehmen. Die Häuser stehen leer, nur die Tür zum Schankraum der Taverne stöhnt und ächzt im Wind. Auf dem Hauptplatz ein Berg von Körpern, hunderte von ihnen; verdrehte, abgetrennte und bluttriefende Gliedmaßen dazwischen. Der Gestank ist überwältigend. Die Augen starren in alle Richtungen, doch sehen nichts, kein Leben. Selbst der Hahn ist verschwunden. Jede Hoffnung ist verloren. Doch wartet! Da ist etwas! Eine kleine Hand, vielleicht die eines achtjährigen Jungen, bahnt sich ihren Weg aus dem Massengrab an die kühle Morgenluft.


Die Artikelserie Kendras Visionen stellt die inoffizielle Erweiterung Cutscenes for Carrion Crown von Evil Paul aus dem Paizo-Forum in deutscher Sprache zur Verfügung. Das englische Original von Kendras zweiter Vision trägt den Titel Script 6: The Fall of Feldgrau. Vielen Dank, Paul!

Advertisements
Kendras Visionen, Teil 2

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s