6. Neth, 4711 AK

Morcei, Pfalzgrafschaft Lozeri

Caldavins Magie erleichterte die Reise durch das finstere Schauderholz ungemein. So erreichten wir Morcei ohne nennenswerten Zwischenfälle. Ich hatte daran geglaubt nach Ravengro nicht so schnell wieder in Ustalavs Hinterland Halt zu machen, doch ich hatte mich geirrt. Morcei war ein verfluchtes Nest!

Es gab einen Platz, besser gesagt eine Kreuzung, wo drei Straßen aufeinander trafen. Dort stand der Nachrichtenpfahl und die drei wichtigsten Gebäude der Siedlung: das Gasthaus, das Gefängnis und die Kirche.

Nur das Gasthaus Zum Schwarzen Hirsch besaß zwei Stockwerke. Der Sockelbau war aus dunklem Bruchstein erbaut worden, die obere Etage aus den mächtigen Waldriesen des Schauderholzes. Das Gotteshaus mit seinen Nebenbauten war das einzige reine Steingebäude von Morcei. Seine Türme überragten das Gasthaus noch um ein gutes Stück, mit Spitzbögen, Wasserspeiern und einer kunstvoll gestalteten Fensterrose über dem Hauptportal. Das Gefängnis unterschied sich nur durch die vergitterten Fenster von den übrigen windschiefen Holzhütten der Fallensteller und Waldarbeiter.

Es dauerte nicht lang, da erfuhr Caldavin im Schwarzen Hirsch von Bestimotors tragischem Schicksal. Unter den Trinkern von Morcei erzählte man sich der Gnom habe den Verstand verloren. Er wurde „zu seinem eigenen Schutz“ – und dem der Dorfbewohner – in der Heilanstalt der Kirche festgehalten.

Während der Magier den Dorfplatz überquerte um die Hohepriesterin aufzusuchen, blieb ich zwischen den verstaubten Weinflaschen hinter dem Tresen verborgen und lauschte den Gästen noch eine Weile. Sie erzählten sich von den Heldentaten der Daimonenhand. Dabei musste es sich ganz offensichtlich um eine Abenteurergruppe handeln, die vor längerer Zeit die ortsansässigen Werfledermäuse und Korruption innerhalb der Kirche Pharasmas besiegt hatten. Der ehemalige Hohepriester von Morcei hatte dem Anschein nach nicht nur mit den blutsaugenden Lykanthropen, sondern auch mit Daimonen – seelenhandelnden Scheusalen der unteren Ebenen – paktiert. Amaryllis Hollenampfer, Jal Jadrescu, Luana Ruxandra, Raska von Breughen und der Variser Marek hatten ihm das Handwerk gelegt und waren dabei zu Helden geworden. Meine Neugierde war selbstverständlich sogleich geweckt, hatte doch ein Großteil meiner Silbernen Raben vor kurzem ein ruhmloses, viel zu frühes Ende gefunden.

Nach ihrer Rückkehr aus Karcau war die Daimonenhand in das Schauderholz gezogen um den verfluchten Gestaltwandlern des finsteren Waldes wieder das Fürchten zu lehren. Ganz nebenbei hatten Marek und Raska – zu meiner Freude – mit der Hilfe von Besmo und Pami einen Zirkel Grüner Vetteln zerschlagen.

Zu gern hätte ich noch mehr über ihre Zeit in Sinarias kultivierter Hauptstadt erfahren, diese jüngsten Heldentaten klangen jedoch äusserst viel versprechend. Zudem zog es die Daimonenhand scheinbar ebenso zur Mondtreppe, jenem verfallenen Desnatempel in den Tiefen des Schauderholzes an dem Gizella, Iacobus und Stralicia gefallen waren.

Vielleicht hatte meine Chronik der Silbernen Raben mit dem Ableben der drei Abenteurer doch noch kein Ende gefunden.

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