Nachwuchshelden

Das Jahr des Banners,
26. Eleasias, 1368 TZ
Schattental

An diesem wundervollen Sommertag hatte Solanis Galanodel mit seiner Tochter Ennastara Schattental erreicht. Das berühmte Dorf war jedoch nicht das eigentliche Ziel des Elfenfürsten, sondern nur ein Halt von Vielen, um sich und die Pferde zu erfrischen. Und eben dieses Vorhaben – sich von den Strapatzen der weiten Reise von Immereska in die Talländer etwas zu erholen – machte das kleine Elfenmädchen an seiner Seite mit ihrer ständigen Unruhe und ihrem Tatendrang zum wiederholten Male zunichte.

„Enna! Sei brav, sonst holen dich die Drow und nehmen dich mit ins Unterreich!“, ermahnte sie der Mondelf. „Wer sind die Drow?“, erwiderte seine Tochter furchtlos.

„Vor langer, langer Zeit waren es Elfen wie du und ich. Die Gelehrten nannten sie Ssri-tel-quessir oder Dunkelelfen, wegen ihrer dunklen Haut, die in ihrer Farbe Ebenholz oder Obsidian gleicht. Ihr Haar ist so weiß wie die Netze der Spinnen, die sie noch immer verehren. Doch die dämonische Spinnenkönigin führte sie weitab von den Tugenden der Seldarin und so war es schließlich Corellon Larethian selbst, der sie verfluchte und in die lichtlosen Tiefen des Unterreichs verbannte. Aus den Dunkelelfen waren die verhassten und gefürchteten Drow geworden.
Siehst du diesen seltsamen Turm dort hinten am Fluss, über den wir ins Dorf gekommen sind? Die Menschen nennen ihn nur den Verdrehten Turm. Heute residiert dort Fürst Trauergrimm und regiert über das gaaanze Schattental. Geschaffen wurde das eigenartige Ding jedoch von den Drow, die mit eiserner Hand einst über das Land unter dem Schatten herrschten, wie das Tal zu jener finsteren Zeit genannt wurde.“

Das Elfenmädchen schluckte hörbar, fragte dann aber dennoch zögerlich weiter: „Hm… Und was ist das Unterreich?“ Ihr Vater ging in die Knie und strich seiner Tochter liebevoll über den silberblauen Haarschopf. „Das sind die lichtlosen Lande unter unseren Füßen, Enna. Unendliche Abfolgen von Höhlen und Grotten verschiedenster Größen und Abmessungen. Es ist ein unbarmherziger Ort an dem grausame Wesen Tunnel und Kammern ins Erdreich geschlagen haben, die ganze Städte aufnehmen können.“, erklärte der Elfenfürst. „Dann gibt es da unten nicht nur Drow?“, fragte die kleine Enna sogleich.

„Neiiin, da unten wimmelt es nur so von Monstern, die sich nichts köstlicheres als so ein kleines Elfenmädchen vorstellen können und schon mit geifernden Mäulern in der Finsternis lauern. Und jetzt komm endlich, Ennastara Galanodel!“

Verträumt starrte die junge Mondelfin noch immer zur Spitze des Verdrehten Turms hinauf, die unheilverkündend hinter den Häusern am Nordritt aufragte.

„Glückauf, Verehrteste.“, grüßte sie ein älterer Herr schmunzelnd von der gegenüberliegenden Straßenseite. Der Mensch trug eine rotbraune Reiserobe und einen passenden Spitzhut; sein Gesicht wurde weitestgehend von einem weißgrauen Vollbart und einer rot glühenden, qualmenden Tabakpfeife verdeckt. Er zog die Pfeife aus dem Mund, lehnte sich auf einen langen Holzstecken und Pfiff über den Nordritt in den Wald hinein.

Plötzlich wurde die Tür zum Gasthaus, dem berüchtigten Alten Schädel, aufgestoßen und zwei Elfen traten auf die Straße hinaus: ein Sonnenelf und ein Waldelf; gefolgt wurden sie von zwei Menschen: einer Frau in blauen Roben und einem großen, kräftigen Mann der nur ein paar Tierfälle übergeworfen hatte; zu guter letzt stürmte ein Zwerg aus dem Schankraum. Er hatte noch Bierschaum im Bart kleben, als er Beleidigungen speiend hinter seinen vier Gefährten hertrottete.

„Uuuhh! Sind das die Ritter von Myth Drannor, Papa?“, fragte das Elfenmädchen aufgeregt. „Nein, meine Kleine. Das sind nur die Nachwuchshelden von Schattental.“, warf der Fremde mit dem Spitzhut ein.

Eine weitere zwergische Verunglimpfung des elfischen Volkes ließ den Sonnenelfen innehalten. Er wirbelte herum und zog bedrohlich sein Langschwert ein Stück weit aus der Scheide. Enna sah mit großen Augen, wie die Klinge der magischen Waffe blau leuchtete. Dann schob der Elf das Schwert zurück und wartete lächelnd auf seinen zwergischen Gefährten.

„Ist das eine Mondklinge?“, fragte Enna begeistert ihren Vater, nur um festzustellen, dass dieser bereits in die Kutsche gestiegen war. „Nein.“, meldete sich der ältere Herr auf der anderen Straßenseite wieder zu Wort. „Das ist das Schwert der Täler. Aber Ihr interessiert Euch für die Geschichte von Schattental, junge Dame?“

„Hm… nein, eigentlich nicht. Aber für Drow! Warum herrschen sie nicht mehr über euer Tal? Wer hat sie besiegt? Und leben sie noch immer unter dem Verdrehten Turm im… im Unterreich?“ Sichtlich amüsiert schickte sich der bärtige Mensch an der jungen Elfin ihre Fragen zu beantworten, da fetzte ein kleiner weißbrauner Hund zwischen den beiden hindurch und schnitt ihm das Wort noch im Munde ab. Er rannte zum Ufer des Flußes und schien etwas ganz fürchterlich aufgeregt anzubellen. Enna warf dem älteren Herr einen flüchtigen Blick zu, dann lief sie so schnell sie ihre dürren Beine trugen hinter dem Hund her. „Was hast du kleines Hündchen? Hast du einen Drow gefunden?“, rief sie ihm nach, während sie den Nordritt entlang lief.

Etwas ausser Atem kam der ältere Herr neben seinem Hund und dem Elfenmädchen zum stehen. Die beiden blickten gebannt in den dunklen Fluss. „Ashaba… der Wassermagier… er hat sie besiegt… und vertrieben. Er wurde zum ersten Fürst… des Schattentals. Heute trägt der Fluss seinen Namen. Aber… ja, man findet sie noch heute in den Tiefen des Unterreichs, unter dem Verdrehten Turm und dem Alten Schädel.“

„Unter dem Gasthaus?“, fragte Enna überrascht und wollte schon zurücklaufen.

„Nein, junge Dame. Unter diesem Alten Schädel da.“ antwortete der Fremde und zeigte mit der qualmenden Tabakpfeife auf den Hügel nördlich des Dorfes, einen riesigen weißen Felsbrocken. „Das Gasthaus trägt den Namen nur zu seinen Ehren. Aber die Abenteurer, die du vorhin beobachtet hast, trafen vor ein paar Zehntagen dort unten auf Drow.“

Und weg war die junge Elflin. Mit einem breiten Grinsen unter seinem weißgrauen Bart sah ihr der alte Herr mit dem Spitzhut nach, wie sie wild entschlossen den Nordritt hinaufstürmte, um die „Nachwuchshelden von Schattental“ einzuholen.


Ich weiss, es handelt sich bei diesem Text nicht gerade um Weltliteratur; dennoch halte ich eine Widmung für diese Erinnerung an meine erste Spielergruppe und an den fiktiven Ort an dem alles begann, der für so viele Spieler auf dieser Welt so ungeheuerlich vertraut ist, für angebracht. Also,

für Andreas, Sebastian, Vincent und Ruth.

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